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Haltung, bitte!

Mehr als Gotteslohn?

Aus: Ausgabe 31/2011

"Seit einem halben Jahr arbeite ich in einer kirchlichen Institution. Vorher war ich in der freien Wirtschaft und hatte gehofft, dass der deutlich geringere Verdienst durch ein christliches Arbeitsklima ausgeglichen wird. Nun merke ich, dass es hier auch so zugeht wie ĂŒberall. Muss ich das hinnehmen?"

„Die Kirche auf Erden hat Anteil an der unerlösten Welt“, hat der Theologe Karl Barth einmal gesagt. Etwas pathetisch formuliert heißt das: Christen sind keine besseren Menschen und kirchliche Institutionen nicht das Himmelreich auf Erden. Diese Einsicht ist bitter, hilft aber dazu, aus seinem christlichen Glauben keine ÜberlegenheitsgefĂŒhle gegenĂŒber dem Rest der Welt abzuleiten. Wenn dieser Satz allerdings als Entschuldigung dient, ist er schlicht falsch. Dass auch in kirchlichen Institutionen Streit, Schlamperei, Stress und gedankenlose Umgangsformen herrschen, ist kein Grund, diese MissstĂ€nde nicht zu thematisieren. Was genau ist ein „christliches Arbeitsklima“? Ein Milieu, in dem man aufeinander RĂŒcksicht nimmt und die Arbeit des anderen macht, wenn der mal nicht so kann?

Eine AtmosphĂ€re, in der Hierarchien der besseren Arbeitsgestaltung dienen und nicht als Aufforderung zur Buckelei und Treterei? Ein Platz fĂŒr offene Worte und das EingestĂ€ndnis von Fehlern? Leider steht ganz weltlicher Druck diesen Klimaverbesserungen im Wege: In der Kirche muss gespart werden, das schwindende Vertrauen macht vielen leitenden Mitarbeitern zu schaffen. Sprechen Sie doch Ihre Beobachtungen einmal an. Wenn in Ihrer Institution nur einer Ihrer Vorgesetzten halbwegs bei Verstand ist, wird er Ihre Perspektive „von außen“ zu schĂ€tzen wissen. Was haben Sie sich erhofft? Wie könnte der Anspruch, der sich mit dem Etikett „Kirche“ verbindet, gestaltet werden, dass er mehr auslöst als moralischen Druck, an dem letztlich doch alle scheitern? Gibt es eigentlich einen Ort, an dem Platz fĂŒr geistliches Leben ist? Eine Kapelle, eine Andacht, eine ruhige Ecke mit Kreuz an der Wand oder Kerze auf einem Tisch? Nicht als klerikale Alibiveranstaltung, sondern als Kraftraum, dessen Energie in die Winkel des BĂŒrogebĂ€udes ausstrahlt, weil die Mitarbeiter hier ihre Kriterien fĂŒrs Leben und Arbeiten gewinnen.

Erschienen in:
Ausgabe 31/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik