Brief an die Bundeskanzlerin
Meditation
Aus: Ausgabe 52/2011
Nikolaus Brender wünscht sich einen Diskurs über den Stern von Bethlehem von Angela Merkel zu Weihnachten.

Viele stellen sich so vieles über Sie vor, Frau Bundeskanzlerin. Vieles davon entspringt dem Bild, das wir Medienleute von Ihnen zeichnen und das Sie selbst von sich pflegen. Eine Vorstellung allerdings passt überhaupt nicht in das Bild von Ihnen als der Repräsentantin des Realistischen, der Meisterin der Zahlen und Fakten, der Strategin der kleinen Schritte: Es ist die Vorstellung von der meditierenden Bundeskanzlerin. Ich selbst war überrascht, als ich in der Zeitschrift „zeitzeichen“ auf eine Meditation über das Matthäusevangelium stieß und dessen Bericht über die Weisen aus dem Morgenland und den Stern, der ihnen den Weg nach Betlehem gewiesen hat. „Dem Stern folgen – sich der eigenen Leitbilder bewusst sein“, ist das Thema. Sehr schön geschrieben, sorgfältig bedacht und klug reflektiert, Gedanken fürs praktische, seelische und politische Leben. Ich war begeistert – und noch mehr überrascht, als ich den Namen der Autorin las: „Eine Meditation der Bundeskanzlerin Angela Merkel“, niedergeschrieben zu Weihnachten 2008. Diese Reflexionen sind auch zu den Weihnachtstagen 2011 sehr lesenswert.
Es ist eine wahre Weihnachtsfreude, Frau Bundeskanzlerin, Ihren Überlegungen während der Lektüre der Meditation mit vollem Herzen zustimmen zu können. Wann stimmt ein Journalist einem Politiker schon mit vollem Herzen zu? Zum Beispiel, wenn Sie schreiben: „Entscheidend für den Weg, den der Einzelne wählt, sind seine Leitbilder und Überzeugungen, denen er vertraut und folgt. Sie geben seinen Entscheidungen eine Richtung.“ Mit großer Überzeugung schreibe ich Ihnen: Ja, Sie haben ja so recht! Nochmals volle Übereinstimmung mit einem anderen Satz in Ihrer Meditation: „Eine ständige Relativierung des eigenen Standpunktes mag vielleicht bewirken, kurzfristig gut dazustehen – allerdings um den hohen Preis der Gefahr, langfristig an Glaubwürdigkeit, Handlungskraft und Chancen zu verlieren.“ Auch hier bin ich ganz Ihrer Meinung.
„Der eigenen Leitbilder und Überzeugungen sollte man sich bewusst sein“, meditieren Sie, und ihnen folgen, wie die Weisen aus dem Morgenland dem Stern von Betlehem. Nur: Welche sind Ihre Leitbilder, welche sind unsere? Welche Grundüberzeugungen leiten die Gesellschaft, für die Sie als Bundeskanzlerin Verantwortung tragen? Das Gefühl, eher Irrlichtern zu folgen als dem Stern von Betlehem, hat einen großen Teil dieser Gesellschaft ohnehin erfasst. Zu diesem wenig weihnachtlichen Gefühl trägt obendrein das kleinkariert unwürdige Verhalten des Christian Wulff bei. Er beschädigt die sensibelste und persönlichste Institution des Staates, das Amt des Bundespräsidenten. Wie mein Co-Autor, Johann Michael Möller, würde ich mir zu Weihnachten gern etwas von Ihnen wünschen: Ich wünsche mir den öffentlichen Diskurs über die Leitlinien und Grundüberzeugungen dieser Republik, ihrer Bürger und Repräsentanten. Einen Diskurs über den Stern von Betlehem, keinen Diskurs über Sternschnuppen.





