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USA

Mammon statt Moral

Aus: Ausgabe 06/2012

Im amerikanischen Wahlkampf spielen religiöse Bekenntnisse traditionell eine große Rolle. Doch diesmal ist das anders. Die Bürger haben genug von Heilsversprechen, sie wollen wirtschaftliche Erfolg

FOTO: CHIP SOMODEVILLA/GETTY IMAGES

Ein Geistlicher hätte Barack Obama fast die Präsidentschaft gekostet. Vor vier Jahren, mitten in seinem ersten Wahlkampf ums Weiße Haus, geriet ein Video vom Sonntag nach dem 11. September an die Öffentlichkeit, in dem Reverend Jeremiah Wright, ein Freund der Familie Obama, die Überzeugung kundtat, die USA hätten den Anschlag selber verschuldet. Der Terror, sagte er, sei die Folge von „staatlichem Terrorismus“ gewesen. Barack Obama distanzierte sich demonstrativ von seinem Gemeindepastor. Der Reverend hatte die Obamas getraut und deren Kinder getauft. Amerikas Präsident ist nach eigener Aussage nicht in einem „religiösen Haushalt“ aufgewachsen. Erst 1985 trat er wegen Erfahrungen mit dem afroamerikanischen Gemeindeleben in Chicago der liberalen Trinity United Church of Christ bei, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt und deren Dachverband UCC Partnerkirche der Evangelischen Kirche des Rheinlandes ist.

Spielte während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs die Religion noch die dominierende Rolle, ist sie in diesem Jahr scheinbar nur noch ein Thema unter vielen. Alles wird überlagert von der ökonomischen Lage der schwächelnden Wirtschaftsmacht Amerika. Und dennoch ist die Religion als Erreger-Thema vor allem bei den Republikanern immer unter der Oberfläche präsent. Auch wenn nur der stramm konservative Republikaner Newt Gingrich sich noch traut, die evangelikale Karte offensiv zu spielen. So lehnt der 68-Jährige etwa Abtreibungen ab, ist gegen die Homo-Ehe und fällt durch eine äußerst theozentrische Demagogie auf. Gingrich ruft zum Kampf der christlichen Zivilisation gegen den, wie er es nennt, „säkularen Sozialismus“ auf, weil dieser die Gesellschaft schwäche und die Verbreitung des radikalen Islam begünstige. Aussagen wie diese bringen ihm vor allem bei der religiösen Klientel im Bibelgürtel der USA Pluspunkte ein. Aus der Vorwahl in South Carolina, wo die bibeltreuen Christen rund 60 Prozent der Wählerschaft stellen, ging Gingrich deshalb als Sieger hervor.

Dass er selber erst nach seiner zweiten Scheidung und mehreren Affären zum Katholizismus konvertierte, scheint keine große Rolle zu spielen. Der Kirchenhistoriker Mark A. Noll von der University of Notre Dame, ein den Republikanern nahestehender Experte für das Verhältnis von Politik und Religion in den USA sowie evangelikaler Christ, verweist darauf, dass im modernen Amerika mittlerweile jede zweite Ehe zerbreche. Gingrich sei selbst unter Konservativen nichts Besonderes mehr. Außerdem habe er – anders etwa als Bill Clinton – seine außerehelichen Liebschaften bereut. Und sei die Bibel, springt Noll wie selbstverständlich dem reuigen Sünder Gingrich bei, nicht „voller komplizierter, moralisch zerrissener Helden“

Mit dem anderen Favoriten der republikanischen Vorwahl geht das religiöse Amerika härter ins Gericht. Mitt Romney verkörpert eigentlich all das, worauf der konservative Teil der Wählerschaft Wert legt. Er setzt sich für den Schutz des ungeborenen Lebens ein, will die Ehe ausschließlich als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau definiert wissen. Auch lebt er noch tugendhafter als so mancher Evangelikale. Romney verzichtet auf Alkohol, Koffein und Tabak, ist seit 42 Jahren mit seiner Jugendliebe verheiratet und überlässt seiner Kirche seit je zehn Prozent seines Einkommens. Dennoch misstrauen viele Amerikaner dem 64-Jährigen – weil er Mormone ist.

Die vor allem im Bundesstaat Utah angesiedelte Glaubensgemeinschaft bezeichnet ihre Religion als Weiterentwicklung der christlichen Lehre. Das „Buch Mormon“ ihres Propheten Joseph Smith ist ihr ebenso wichtig wie die Bibel. Aber nicht nur die traditionellen Vertreter der jüdisch-christlichen Religionen halten das Mormonentum für eine Abkehr vom rechten Glauben. Auch im säkulären Teil der US-Bevölkerung halten sich hartnäckige Vorurteile. Obwohl die Mormonen sich verpflichteten, die durch ihren Religionsgründer gutgeheißene Polygamie aufzugeben, ehe Utah 1896 den Vereinigten Staaten beitrat, wird ihnen bis heute Vielweiberei nachgesagt. Einer Studie des Pew Research Center zufolge täte sich jeder vierte wahlberechtigte Amerikaner heute schwer mit einem mormonischen Präsidentschaftskandidaten.

Mitt Romney vermeidet es deshalb ganz bewusst, seine Religion zum Thema zu machen, und hat sogar öffentlich gelobt, dass er sich in präsidialen Entscheidungen weder von seiner Kirche noch von anderen Denominationen beeinflussen lassen wird. Mark Noll hält das für einen strategischen Fehler. Wie John F. Kennedy, der 1961 als erstes katholisches US-Staatsoberhaupt vereidigt wurde, müsste Romney mit seinem Glauben von Anfang an in die Offensive gehen, um am rechten Rand zu punkten. Kennedy war damit erfolgreich: Katholiken in staatlichen Spitzenpositionen sind heute nichts Ungewöhnliches mehr. „Selbst Vizepräsident Joe Biden ist Katholik, genauso wie Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses“, so Noll.

Überhaupt, die Demokraten: Krachende religiöse Bekenntnisse findet man bei ihnen eher selten. In Glaubensfragen geben sie sich ganz bewusst liberal. Nach seiner Amtseinführung gründete Barack Obama etwa einen Gebetskreis mit fünf Geistlichen verschiedener Konfessionen, von denen er persönlichen Rat annimmt. Mit der Beschwörung universeller Werte wie den Menschenrechten oder der Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung versucht Obama, möglichst alle Amerikaner anzusprechen. Zugleich fordert er aber auch eine weitgehende rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen und tritt für die freie Wahl zur Abtreibung ein. „Barack Obama ist ein bekennender Christ, der unbiblische Positionen vertritt“, analysiert der Theologe Mark Noll, „das macht ihn zum Favoriten der bekennenden Säkularen, die keiner Religion
angehören.“

Dennoch repräsentiert Obama mit seiner liberalen Haltung noch am ehesten den Geist der Gründerväter der USA. Die taten alles, um die Kirche aus dem Staat zu halten. Die strikte Trennung der beiden wurde gleich im ersten Verfassungszusatz festgeschrieben. Präsident Thomas Jefferson, der als Architekt des Regelwerkes gilt, sprach davon, „eine Mauer der Trennung zwischen dem Garten der Kirche und der Wildnis der Welt“ aufzubauen. Diese Mauer ist allgegenwärtig, auch wenn die republikanische Rechte im Wahlkampf verbal bisweilen daran kratzt. Selbst unter dem Republikaner George W. Bush aber waren Morgengebete in den amerikanischen Schulen tabu, ebenso Religionsunterricht oder die Nutzung von kirchlichen Einrichtungen für öffentliche Zwecke. Weihnachten ist in den USA der einzige staatliche Feiertag mit christlichem Ursprung, und selbst dann wünschen die Amerikaner aus Sorge, irgendeine Religion zu beleidigen, maximal „schöne Feiertage“ oder noch neutraler „Season’s Greetings“ – „saisonale Grüße“.

Und doch ist Amerika ohne gelebte Spiritualität nicht denkbar. 90 Prozent aller US-Bürger sind Mitglied einer Religionsgemeinschaft. 60 Prozent glauben an die biblische Erschaffung der Erde oder an eine Rolle, die Gott darin mitgespielt hat. 40 Prozent gehen jeden Sonntag in die Kirche. Ins Weiße Haus jedoch zog der öffentlich gelebte Glaube erst spät – erst 1980, als der Republikaner Ronald Reagan Präsident wurde. „Seine Popularität basierte darauf, dass er zwei unterschiedliche Blöcke ansprach: die evangelikalen – also strenggläubigen – Protestanten und die Römisch-Katholischen, die sich vorher meist stramm hinter die demokratische Partei stellten“, so der Kirchenhistoriker Mark Noll. Reagan gilt als der erste Präsident, der demonstrierte Religiosität gezielt für seine Politik einsetzte. Oft unterbrach der vormalige Hollywood-Schauspieler seine Vorträge und forderte das Auditorium zum stillen Gebet auf. Seine Reden endeten stets mit der Losung „God bless America“ – Gott schütze Amerika.

Durch Reagan wurde das religiöse Bekenntnis zum alltäglichen politischen Mittel, um Wählergruppen anzusprechen. Seitdem setzten manche Politiker es offensiv ein, George W. Bush etwa, andere wiederum, Obama und Romney, sehen darin eine gefährliche Waffe, die nur in größter Not abgefeuert werden darf. Schließlich könnte sie einen selber treffen. Religion wird in Wahlkampfzeiten also nicht mehr nur demonstriert, sondern auch analysiert und propagiert.

Kandidaten, die auf spirituell geprägte Fragestellungen keine überzeugenden Antworten liefern können, fallen bei den Wählern durch. „Immer wieder türmen sich dieselben Kontroversen auf: Abtreibung, Homosexuellen-Ehe, Evolutionslehre an den Schulen, der Auftritt von Predigern bei öffentlichen Anlässen, der Aushang der Zehn Gebote in Regierungsgebäuden“, so Mark Noll. Entscheidend ist heute deshalb nicht mehr nur, welcher Kirche der Präsidentschaftskandidat angehört, sondern auch, ob er die Gläubigen der anderen Denominationen hinter sich vereinen kann.

Doch so bestimmend die Religion in der amerikanischen Politik auch ist – im Vergleich zu den vorigen Urnengängen hat sie diesmal an Bedeutung verloren. Für immer mehr Wähler rückt die Schieflage der Wirtschaft in den Vordergrund. Der Unmut in der Bevölkerung sei so groß, dass inzwischen selbst tiefgläubigste Amerikaner bereit seien, über den eigenen Schatten zu springen, beobachtet Noll: „Sie erkennen, dass der Fokus auf Familie, Moral und Religion nicht satt macht“, sagt er, „und sie sind erschrocken darüber, dass inzwischen selbst Megakirchen wie die Crystal Cathedral in Kalifornien Bankrott anmelden.“ Obama hat das erkannt: Als Mitt Romney in die Kritik geriet, weil er als Multimillionär auffallend wenig Steuern zahlte, setzte Obama sogleich auf das Thema soziale Gerechtigkeit und fordert seitdem eine Reichensteuer.

Dennoch hätte Romney eine reale Chance gegen Obama. Im Gegensatz zum Präsidenten, der es während seiner ersten Amtszeit nicht geschafft hat, die Konjunktur anzukurbeln, und im Gegensatz zu Gingrich, der sein ganzes Leben als Berufspolitiker verbracht hat, kann Romney erfolgreiches Wirtschaftsmanagement vorweisen. Als Gründer der Investmentgesellschaft Bain Capital wurde der Mormone zum reichsten Politiker, der jemals ins Weiße Haus wollte. 2002 organisierte er die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City. Das Thema Reichensteuer kontert er deshalb mit einem leuchtenden Positivbeispiel für gutes Wirtschaften: mit sich selbst. Über seine Religion jedenfalls redet seitdem niemand mehr.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2012
Redakteur:
Beatrice Uerlings (Freie Autorin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kirchen, Außenpolitik