Der Atheist, der was vermisst
Lob der Hausarbeit
Aus: Ausgabe 01/2012
Unser Kolumnist Martin Ahrends fragt sich: Was ist Arbeit und was ist sie heute noch wert?

Weil ihre Mutter zur Kur ist, bin ich ein paar Wochen allein zuständig für die Kinder. Schon nach einer Woche bin ich ziemlich missgelaunt, mir fehlt etwas, was ich bei dieser „Arbeit“ nicht finde. Jede Nachlässigkeit kann ich mir erlauben. Und kann mir keine Spur davon erlauben. Es gibt keine Grenzen, keine Normen, Zeiten, Mengen, Qualitätsmaßstäbe, nichts Überprüfbares und kein Gremium, das mich überprüfte. Ich kann so gut oder schlecht sein, wie es mir beliebt. Das einzige Kriterium ist mein Gewissen, das ich noch nie so anstrengen, so überanstrengen musste, um nicht nachlässig, unaufmerksam, gleichgültig zu werden. Mit dem freundlichsten Lächeln kann ich meine Kinder abbürsten, ignorieren, ihnen meine Verachtung zeigen, ihnen ohne ein Wort zu verstehen geben, wie unfähig, albern, ungebildet sie sind, wie wenig sie meinem Bild der Kinder entsprechen, die meiner erlauchten Vaterschaft würdig wären. Wie leicht, wie unbemerkt von mir selbst kann ich sie schädigen und ihnen eine Bürde Minderwertigkeit auf den Weg geben. Ich muss auf mich aufpassen, darf meinen Frust nicht an ihnen auslassen. Und Frust ist es nun eindeutig, was mir die Hausarbeit täglich beschert.
Angst hab ich vor der Macht, die ich über sie habe, die nicht aufhört, da zu sein, wenn ich mich ihr verweigere. Ich übe sie auch aus, wenn ich sie nicht ausübe, wenn ich ein Machtvakuum entstehen lasse und so tue, als ginge es mich nichts an. Meine Kinder müssen erzogen sein, wenn ich diese Arbeit von mir weise, weil ich mir vielleicht eine reine Seele bewahren will, unbefleckt von der Schuld aller Eltern, werden andere Erzieher meinen Part übernehmen: Die Glotze, der Gameboy, die Straße wird ihr Erzieher sein. Ich, ihr Erziehungsberechtigter, lehne aus dem Fenster, sehe den Leuten zu, die unten vorüberwimmeln, und frage mich, wem gegenüber ich eigentlich verpflichtet bin, all das auf mich zu nehmen, diese Menschengärtnerei zu betreiben, ohne von irgendwem dafür geachtet zu werden. Was ziehe ich da heran? Den Pest-Bazillus dieser Welt, künftige Verbraucher und Müllmacher, endgültige Weltvernichter? Alle sehen es inzwischen so, es gibt kein positives Menschenbild, nur Heuchler behaupten das Gegenteil. Ich aber hab das Haus voller Kinder und brauche, um sie nicht verkommen zu lassen, einen Glauben. Etwas, was mich unabhängig macht von meinen Stimmungen.
Gelobt sei die Hausarbeit! Sie hat weniger mit Töpfen und Pfannen zu tun als mit Menschen. Es ist zwar mein Privatraum, aber was ich hier tue, ist nichts Privates. Die Liebe zu meinen Kindern bleibt angewiesen auf meine ganz persönliche Entscheidung. Denn für mich, den Atheisten, gibt es kein „Du sollst“, das es mir leichter macht, meine Nächsten zu lieben. Und mich selbst.
Martin Ahrends ist Schriftsteller; er lebt und arbeitet in Berlin (siehe Christ & Welt Nr.52, Seite 5).





