www.zeit.deProbe-Abo

Haltung, bitte!

Lizenz zum Lügen

Aus: Ausgabe 46/2013

„Edward Snowden hat vor ein paar Tagen einen starken Satz formuliert: ,Wer die Wahrheit sagt, kann kein Verbrecher sein.‘ Was halten Sie davon?“ Nikki S., Potsdam

Ein Satz wie ein Held. Edward Snowden lässt seine Muskeln spielen. Wer sich ihm nähert, bekommt es allerdings nur mit einem Halbstarken zu tun. Denn wie immer ist es nicht so einfach. Schon im Alltag gibt es Situationen, in denen es an Verrat grenzt, wenn man die Wahrheit sagt. Wie fänden Sie es, wenn Ihr Freund etwas ausplaudert, was Sie ihm anvertraut haben? Die Wahrheit mag er gesagt haben, allerdings vor einem Publikum, für das diese Wahrheit nicht bestimmt war.

Ein Verbrecher ist er dann noch nicht, aber das Vertrauen hat er verspielt. Die Wahrheit kann taktlos sein oder so gnadenlos, dass man sich mit der Wahrheitsliebe sogar moralisch ins Unrecht setzt. Unter Umständen ist nämlich nicht nur entscheidend, ob eine Behauptung stimmt oder nicht, sondern wem gegenüber eine Wahrheit ausgesprochen wird. Es gibt deshalb aus guten Gründen Orte und Zeiten für Geheimnisse. Manche dieser Geheimräume sind sogar rechtlich abgesichert. Anwälte und Seelsorger haben die Pflicht, die Wahrheit zu verschweigen. Das erweist sie als vertrauenswürdig. Journalisten dürfen ihre Informanten nicht preisgeben. Sie wären Gesetzesbrecher, hielten sie sich nicht daran.

Darf ein Geistlicher nun das Beichtgeheimnis verletzen, wenn ihm ein Verbrechen zu Ohren kommt? So eine Frage kann das Gewissen schwer belasten. Geheimhaltungspflichten und Wahrheitsliebe können mächtig in Widerstreit geraten. Wie im Falle des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Wo massenhaft Freiheitsrechte verletzt werden, kann es im Geiste eines höheren Rechtes nötig sein, sich selbst von der Geheimhaltungspflicht zu entbinden. Diese mutige Entscheidung hat er getroffen. Auch hier stellt sich allerdings die Frage nach den Adressaten. Zum Glück gibt es ja parlamentarische Kontrollgremien. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn die Kontrollgremien versagen, sind die Medien die richtige Adresse.

Aber wer die Wahrheit liebt, muss ihre Konsequenzen bedenken. Das ist allerdings keine Lizenz zum Lügen, weder für gute Freunde noch für Regierungen.

Erschienen in:
Ausgabe 46/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch