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Haltung, bitte!

Lieblingsenkel

Aus: Ausgabe 22/2014

„Mein Vater hat meinem ältesten Sohn zur Erstkommunion eine Uhr geschenkt, ein Erbstück. Der Junge sei der „Stammhalter“ und der Älteste, deshalb ginge die Uhr an ihn. Er macht ein ziemliches Gewese um unseren „Ältesten“. Dabei hat er doch mehrere Enkel. Ich bin seine älteste Tochter, und er hat immer betont, dass er uns Mädchen alle gleich behandelt hat. Deshalb macht mich dieses Verhalten ärgerlich. Andererseits liebt mein Ältester seinen Großvater. Soll ich den Ärger runterschlucken?“ Sybille B., Schwetzingen

Dürfen Großeltern ihre Zuneigung unterschiedlich verteilen? Wenn Ihr Vater und Ihr ältester Sohn sich nah sind, ist das noch nicht ungerecht, solange die anderen Enkel sich nicht zurückgesetzt fühlen. Viele Kinder fühlen sich einem Großelternteil besonders verbunden und finden so eine „Lieblingsoma“ oder einen „besten Großvater der Welt“ fürs Leben, oft ohne dass die Großeltern das beabsichtigen. Ist es die Ähnlichkeit oder die Erinnerung an die Kindheit, vielleicht nur der Geruch oder nur die je eigene Art, die sich mit der Persönlichkeit des anderen besonders gut verträgt? Auch in der Liebesdiktion der Familie ist Wahlverwandtschaft nur notdürftig verborgen. Bei der Geschichte Ihres Vaters mit Ihrem Ältesten nervt Sie vermutlich der Rückgriff auf eine Tradition, die nur dann Sinn macht, wenn es einen Hof zu erben oder einen Thron zu besteigen gibt. Ist das nicht der Fall, ist die Rede vom „Stammhalter“ Blödsinn in Zeiten, wo Frauen selbst Throne besteigen und Familienunternehmen führen können. Sie betonen allerdings, dass Sie selbst die Älteste Ihres Vaters sind. Regt sich ein klitzekleiner Neid auf Ihren Sohn in Ihnen, weil Sie die Uhr gern geerbt hätten, bevor der Sohn sie bekommt? Fürchten Sie, Ihr Vater hätte zwar alle seine Mädchen gleich behandelt, heimlich aber einen Sohn ersehnt? Fühlen Sie sich als Älteste sogar als die „Stammhalterin“? Reden Sie mit Ihrem Vater. Es ist ja ein Zeichen Ihrer Verbundenheit. Da haben Sie Glück! Nur verwechseln Sie nicht Ihren Sinn für Gerechtigkeit mit den anderen Gefühlstumulten, für die die goldene Uhr nur ein Symbol ist.

Erschienen in:
Ausgabe 22/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
keine