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Haltung, bitte!

Liebe braucht Form

Aus: Ausgabe 31/2013

„Mein Freund und ich wollen heiraten. Er würde allerdings am liebsten auf das Standesamt verzichten und nur eine kirchliche Trauung haben, weil er findet, dass Recht und Liebe nichts miteinander zu tun haben. Wir haben nun erfahren, dass das gar nicht geht. Früher hätten die Menschen nur in der Kirche geheiratet; er heirate mich ja schließlich nicht, um Steuern zu sparen, sagt er." Corinna S., Westerwald

Glückwunsch, Ihr Freund ist ein Romantiker. Ihre Ehe soll kein Steuersparmodell sein und Zugeständnis an bürgerliche Erwartungen, sondern einzig und allein Ausdruck Ihrer Liebe. Da klingt es erst mal plausibel, dass Ihre Ehe ausschließlich unter dem Zeichen von Gottes Segen und nicht unter dem amtlichen Siegel des Standesbeamten stehen soll. Reicht es nicht, das gegenseitige Versprechen, ein Leben lang füreinander da zu sein, vor Gott und der Gemeinde öffentlich zu machen? Zu allen Zeiten war den Liebenden das Recht verdächtig. Ist die zivile Ehe nicht ein falsches Zugeständnis an weltliche Herrschaft?

Der Verdacht gegen das weltliche Recht ist so alt wie das Christentum. Allerdings gerät das Recht erst dann ins Zwielicht, wenn es zum Gegenspieler der Liebe gemacht wird. Die zivile Ehe ist aber eine Stütze der Liebe und nicht ihr bürokratisches Ende. Sie schafft eine Form, die einlöst, was die Liebenden sich versprechen. Ein festlicher Gottesdienst mag dem gegenwärtigen Gefühl angemessener Ausdruck verleihen als eine Unterschrift unter ein Stück Papier. Aber vielleicht kann Ihr Freund es so sehen: Das Recht ist eine gute Gabe Gottes. Hier geht es nicht nur um Steuerklassen, sondern zuallererst um den Schutz der Schwächeren, um materiellen Ausgleich, aber auch um die Dokumentation einer Lebensordnung, die größer ist als die eigene Lebenszeit, die eigene Liebesfähigkeit und der eigene Hang, aufzugeben, wenn es schwierig ist. Natürlich schützt die zivile Ehe nicht vor ihrem Scheitern. Aber sie bietet einen verlässlichen Rahmen. Für das Paar und für die Gesellschaft. Die christliche Ehe, verstanden als „göttlicher Stand“ und als „weltlich Ding“, kann in dieser Spannung stark bleiben.

Erschienen in:
Ausgabe 31/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch