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Haltung, bitte!

Lest die Erzählungen!

Aus: Ausgabe 01/2012

„Mein Sohn besucht im Gymnasium den evangelischen Religionsunterricht. Dort beschäftigen sie sich mit den Weltreligionen, mit gesellschaftlichen Fragen und lesen Camus. Wäre es nicht besser, sich mit der Exegese biblischer Texte zu befassen? So, wie es jetzt läuft, könnte mein Sohn auch den Sozialkundeunterricht besuchen.“


Religionsunterricht in der höheren Schule ersetzt weder den Konfirmandenunterricht noch die Missionsstunde zwischen Deutsch und Mathe. Der konfessionelle Unterricht soll zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Glaubenstradition führen, den Sinn für das Geschichtliche der eigenen Religion fördern, kritische Anfragen an das Christentum diskutieren und verstehen lernen, wie sich die eigene Religion von anderen religiösen Überzeugungen unterscheidet – und was sie verbindet. Dazu soll deutlich werden, dass Gott und Welt miteinander zu tun haben. Das führt zwangsläufig zu ethischen Grundfragen. Ein anspruchsvolles Programm, ohne das der Religionsunterricht in der öffentlichen Schule aber nichts zu suchen hätte. Wer von Religion keine Ahnung hat, versteht auch nicht ihre Kritik, wer die christlichen Traditionen nicht kennt, dem wird es schwerfallen, Argumente für und gegen neue ethische Fragen im Geiste des Christentums zu finden. Noch schwieriger wird es, die eigene Religion mit anderen zu vergleichen. Auch die Exegese biblischer Texte, das theologische Handwerkszeug, hilft nur dann weiter, wenn die biblischen Erzählungen vorher vertraut sind. Wer die Tradition kennt und in ihr zu Hause ist, dem kann die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Entstehung nur nützen. Wer die Geschichten nicht kennt, weiß auch nicht, warum sie zu so unterschiedlichen Auslegungen provoziert haben. Das A und O eines guten Religionsunterrichts ist deshalb eine solide Bildung, Erfahrungen mit den biblischen Geschichten und dem Kirchenjahr, der Geschichte des Christentums und seiner Konflikte. Das kann aber niemand mehr voraussetzen, auch nicht an Gymnasien. Keine Deutschlehrerin würde davon ausgehen, dass die neue Klasse Goethe schon kennt. Die Lust an den Klassikern – leider auch die Abneigung – wird in der Schule erst geweckt. Das muss auch für den Religionsunterricht gelten. Dann kann man mit Lust kritisieren, historisieren, aktualisieren, eigene Standpunkte finden und wieder verwerfen. Ohne diese Basis wird die Kritik zum Unsinn.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin des Buches „Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur für Christen“. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie Dr. Petra Bahr. Leserpost bitte an: Christ & Welt, Heinrich-Brüning-Straße 9, 53113 Bonn. Stichwort „Haltung“. E-Mail: haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 01/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch