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Haltung, bitte!

Lesen genügt nicht!

Aus: Ausgabe 19/2012

„In unserer Innenstadt wird jetzt auch kostenlos der Koran verteilt. Darf ich als Christ eines der Bücher mitnehmen oder muss ich mit den islamischen Missionaren diskutieren?“ Ole G. S., Lübeck

Eins muss man den Salafisten zugestehen, die mit ihrer Koranverschenkaktion von sich reden machen: Sie haben mit der Mentalität des „Am liebsten billig, noch besser umsonst“ einen Nerv getroffen. „Lies!“ heißt die Aktion, mit der ein islamischer Missionsverein sein heiliges Buch als Palettenware verteilt. Dabei klingt der Slogan fast nach dem Pathos gebildeter Christenmenschen. „Tolle, lege!“, nimm und lies. So beschreibt der spätere Kirchenvater Augustin seine Erstbegegnung mit dem Christentum. Doch viele Muslime finden die Koranaktion mehr als ärgerlich. Hier wird ihre heilige Schrift verramscht und landet oft im Papierkorb statt auf dem Lesesessel. Und die, die den Koran so freigiebig verteilen, sind deutlich weniger großzügig, wenn es um die Auslegung der heiligen Texte geht. Sie träumen von einem Gottesstaat, sehen Frauen am liebsten voll verschleiert und rufen zur Vernichtung von Ungläubigen auf. Viele Salafisten in Deutschland sympathisieren mit gewalttätigen Aktionen, auch gegen Kirchen im Sudan. Mit diesen Fundamentalisten kann man nur schwer diskutieren.

Dabei wäre es ja eigentlich gut, wenn sich mehr Menschen mit dem Koran und seinen Auslegungstraditionen auseinandersetzten. Gehen Sie doch beim nächsten Stadtbummel in einen guten Buchladen und fragen Sie nach einem Koran und einer guten Einführung. Nach der Aufforderung „Lies!“ drängt sich nämlich die nächste Frage auf. Sie gehört zu den berühmtesten Fragen des Abendlandes und ist immer noch aktuell. Philippus stellt sie im Neuen Testament einem eifrigen Bibelleser: „Verstehst du auch, was du liest?“ Zum Verstehen braucht es nicht nur ein heiliges Buch, sondern auch verständige Ausleger, die den Texten einen Kontext geben. „Lies und versteh!“ wäre deshalb eine gute Aktion von Kirchen, Akademien, Moscheegemeinden und allen, die finden, dass nach dem Bekenntnis zur Freiheit der Religionsausübung auch die Anstrengung des Verstehenwollens kommt. Das gibt es nicht umsonst.

Erschienen in:
Ausgabe 19/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Islam, Kirchen