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Haltung, bitte!

Lassen Sie los!

Aus: Ausgabe 20/2012

„1981 haben meine Schwester und mein Schwager plötzlich ohne Angabe von Gründen den Kontakt zu mir abgebrochen, trotz aller Versuche meinerseits, die Beziehung wieder aufzunehmen. Nun habe ich erfahren, dass beide vor einem halben Jahr gestorben sind, eingeäschert und anonym bestattet. Meine jüngere Schwester und die Tochter der beiden betrachten die Sache als abgeschlossen und wollen mir keine Auskünfte geben. Kann ich ein Recht auf Auskunft geltend machen und weiter nachfragen?“ Hannelore K., Olpe

Menschen, die einem eben noch zur Seite standen, sind wie vom Erdboden verschwunden. Die, die zurückgelassen wurden, stehen an der Abbruchkante der Beziehung und blicken ins Schwarze. Die Ungewissheit über die Gründe kann da quälender sein als der Verlust. „War ich schuld? Vielleicht sind Sie nächtelang die letzten Begegnungen mit Ihrer Schwester und deren Mann durchgegangen. Vielleicht haben Sie die Phasen von Schmerz und Wut alle mehrfach hinter sich gebracht und sich fast damit abgefunden, dass da, wo Ihre Schwester war, gähnende Leere ist. Ihre Verwandten waren über 30 Jahre wie tot. Jetzt sind sie es wirklich. Das ist deshalb so bitter, weil es unwahrscheinlich ist, dass Sie je die Wahrheit über die Trennung erfahren. Mag sein, dass Ihre jüngere Schwester und Ihre Nichte Ihnen nichts sagen wollen, weil sie sich das Familiengeheimnis der Verstorbenen zu eigen gemacht haben. Vielleicht wissen die beiden aber auch nichts über die Gründe. Ein Recht auf Auskunft über Seelenlagen und Lebensmotive von Menschen gibt es nicht. Verabschieden Sie sich. Trauern Sie. Weinen Sie um Ihre Schwester, die Sie 30 Jahre vermisst haben. Lassen Sie ihr ihr Geheimnis, auch wenn es Sie so verletzt hat. Das ist das Geschenk, das Sie ihr nachträglich machen können. Natürlich wäre es schön, wenn Sie dafür einen Ort hätten, ein Grab, ein Ziel. Lassen Sie sie gehen. Wenn Sie das nicht alleine schaffen, dann holen Sie sich Hilfe. Ihre Schwester ist Ihnen viel schuldig geblieben. Vermutlich Sie ihr auch etwas. Aber Jesu Bitte aus dem Vaterunser gilt auch hier: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Eine schwere Übung. Aber sie macht frei.

Erschienen in:
Ausgabe 20/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch