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Haltung, bitte!

Läuten ist laut

Aus: Ausgabe 14/2013

„Wir sind Teil eines Bauprojektes, bei dem mehrere Familien gemeinsam ein Haus gebaut haben. Das Grundstück liegt direkt neben einer Kirche und hat einen wunderbaren Blick auf den Friedhof. Seit ein paar Monaten wohnen wir dort. Nun wollen sich mehrere Parteien zusammentun, um gegen das Glockengeläut zu klagen, das als erhebliche Lärm?belästigung empfunden wird. Ich gebe zu, dass ich die Lautstärke auch unterschätzt habe, aber zu klagen fände ich unangebracht. Haben Sie ein paar Argumente für mich?“ Ella Z., München

Was für eine Bigotterie! Der freie Blick auf den Park und die Silhouette der Kirche vom Balkon, das ist Wohnen auf Hochglanzniveau. Aber wenn die Totenglocke bimmelt, dreimal am Tag das Angelusgeläut die Ruhe unterbricht oder, noch schlimmer, morgens um kurz vor zehn zur besten Ausschlafzeit zum Gottesdienst geläutet wird, müssen Immissionsschutzwerte her, Gutachter werden bestellt und Verwaltungsgerichte beschäftigt. Es lebe die Rechtsschutzversicherung gegen das christliche Abendland, das ja ansonsten in bürgerlichen Milieus zur neuen Referenz geworden ist. Da ist ihre Hausgemeinschaft kein Einzelfall.

So wird aus einem religiösen Symbol für die Ohren erst eine Hieroglyphe, die keiner versteht, und dann eine Ruhestörung. Nicht mal mehr als Kulturgut taugt das Glockengeläut, außer im Italienurlaub. Das ist die Gentrifizierung religiöser Bedeutungen, die das eigene Leben in einem weiteren Horizont als der individuellen Behaglichkeitsbedürfnisse erscheinen lassen könnten. Regen Sie sich ruhig auf. Ich tue es ganz ungeniert. Wer dem Glockengebimmel entgehen will, soll gefälligst nicht neben einer Kirche bauen. Aber dafür ist es ja nun zu spät. Vermutlich hilft auch der Hinweis nichts, dass das Geläut zur freien Religionsausübung gehört.

Und die hat Verfassungsrang. Aber das ist vermutlich für Ihre Hausgemeinschaft kein überzeugendes Argument. Vielleicht hilft das: Lärm ist subjektiv. Natürlich gibt es Grenzwerte. Aber es ist nachweislich so, dass das Glockengeläut anders wahrgenommen wird, wenn seine Bedeutung in den eigenen Alltag eingebaut wird. Leben Sie doch mit den Glocken statt gegen sie. Halten Sie dreimal am Tag für eine Minute inne. Fragen Sie sich, was wirklich wichtig ist und was nur atemlos macht. Freuen Sie sich, dass die Glocken für Sie den Sonntag einläuten. Diese kleinen Unterbrechungen können manchen Yogakurs ersetzen.

Erschienen in:
Ausgabe 14/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Spiritualität, Kirchen, Ethik, Lebensstil