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Haltung, bitte!

Lady Madonna

Aus: Ausgabe 39/2011

„Die Marienverehrung findet in evangelischen Kreisen immer mehr Anhänger. Ist das mit den Lehren Martin Luthers vereinbar? Oder wird der Protestantismus damit nicht in seinem Selbstverständnis bedroht und aufgeweicht?“

„Let it be“ – „Lass es geschehen“. Das ist ein berühmter Beatlessong, der ein biblisches Vorbild hat: das Lied der Maria aus dem Lukasevangelium, das als „Magnificat“ Musikgeschichte geschrieben hat. Hier besingt Maria, wie Gott sie in Beschlag genommen hat, unversehens und überwältigend, ohne religiöse Vorleistung ihrerseits. Maria setzt sich der Nähe Gottes aus. Sie gibt sich einer Erfahrung hin, mit der sie nicht gerechnet und die andere ihr nicht zugetraut hätten. Und sie beschreibt das, was Gott tut, als Umkehrung der Verhältnisse. Die Schwachen werden stark, die Starken werden von den Thronen gestürzt. Sie selbst sieht sich bei den Schwachen. Die Sprache, die sie für diese Erfahrung findet, ist poetisch und sehr sinnlich. Maria singt von der Hingabe und Empfänglichkeit. Heute sind das alles ziemlich zweideutige Vokabeln, die in der Kirche eher mit spitzen Fingern angefasst werden. Wer an Maria denkt, der kann den Glauben nicht vergeistigen, der Körper ist bei ihr immer im Spiel. Das ist für Protestanten vielleicht befremdlich. Doch Martin Luther liebte Maria und ihr Lied. Die Mutter Jesu verkörperte für Martin Luther die Grundhaltung des Glaubens wie keine andere. Deshalb verehrte er sie und widmete ihr einige seiner tiefsten theologischen Texte. Die Frage „Hat sie oder hat sie nicht“, also auf welche Weise Maria die Mutter Jesu geworden ist, interessierte ihn nicht. Dass Maria als „Gottesmutter“ wie eine Göttin verehrt werden müsse, trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht. Maria hätte gegen diese Überhöhung Einspruch erhoben und wäre von den Heiligenpodesten geklettert, hat er einmal gesagt. Aber das, was Luther in der Bibel über Maria las, rührte ihn tief. Der Reformator sah in der Mutter Jesu das, was auch evangelische Christinnen und Christen heute wieder entdecken. Maria ist nämlich keine Macherin, sie folgt keinen Aktionsplänen, und seien sie noch so fromm. Sie ist eine, die „es sich geschehen lassen kann“, wie Luther so schlicht wie eindringlich formulierte. Sie öffnet sich einer religiösen Erfahrung und lässt sich ergreifen. Die, die heute Maria wiederentdecken, verraten die Grundgedanken der Reformation nicht, sie entdecken im Lobgesang der Maria einen echten Luthersong wieder: „Let it be“.

Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin des Buches „Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur für Christen“. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie Dr. Petra Bahr. Leserpost bitte an: Christ?&?Welt, Heinrich-Brüning-Straße 9, 53113 Bonn. Stichwort „Haltung“. E-Mail: haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 39/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch