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Haltung, bitte!

Kopfstand üben!

Aus: Ausgabe 27/2014

„Vor 13 Jahren wurde ich Patin eines zauberhaften Babys. Jetzt ist er ein kluger Teenager und will sich unbedingt konfirmieren lassen. Eine tolle junge Pastorin, die auch in der Schule unterrichtet, gewinnt die jungen Leute für den Glauben. Seine Eltern haben sich allerdings radikal von der Kirche abgewendet. Nun sticheln sie, ihr Junge habe sich von einer Sektenführerin an der Nase herumführen lassen. Ich bin schockiert über ihre Härte und frage mich, ob ich mich einmischen darf.“ Kerstin Z., Göttingen

Eine Patin, die ihr Amt ernst nimmt – da hat der Junge Glück. Und hoffentlich auf dem Weg zur Religionsmündigkeit auch Ihre Unterstützung. Natürlich dürfen Sie sich einmischen. Ihre Freunde haben Ihnen diese Aufgabe einmal anvertraut. Was ist denn in den letzten Jahren geschehen? Gab es Ereignisse, die die Eltern ihres Patenkindes an ihrer Kirche verzweifeln ließen? Oder war es eine schleichende Entfremdung? Ein intellektuell gründlich vorbereiteter Entschluss, das Nicht-mehr-glauben-Können mit einem Austritt zu besiegeln? Wenn Eltern sich ihren Kindern gegenüber wie bockige Teenager verhalten, steckt mehr dahinter. Die Sticheleien sprechen für ein ungeklärtes Verhältnis zu der Religion, der sie vor 13 Jahren auch ihren Sohn anvertrauen wollten.

Machen Sie Ihren Freunden klar, was sie ihrem Sohn antun, wenn sie ihm ihre eigenen Zweifel oder ihre schlechten Erfahrungen aufnötigen. Sie müssen ihm ja auf dem Weg zur Kirche nicht folgen. Aber sie sollten ihn seine eigenen Entscheidungen treffen lassen. Ergreifen Sie Partei für Ihr Patenkind! Das haben Sie bei der Taufe vor Gott, der Gemeinde und Ihren Freunden versprochen. Vielleicht haben sie Sorge davor, dass ihr Sohn sich in eine Richtung entwickelt, der sie den Rücken gekehrt haben. Ihr Patenkind zwingt seine Eltern, ihre Haltung zum Glauben noch einmal zu hinterfragen. Er bringt alle die Fragen an den Familientisch, die längst beantwortet oder in den letzten Winkel des Hauses verbannt zu sein schienen. Damit wird das alte Eltern-Kind-Verhältnis auf den Kopf gestellt. Da braucht der Junge, aber auch seine Eltern freundschaftliche Hilfe, denn Kopfstände muss man üben.

Erschienen in:
Ausgabe 27/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch