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Haltung, bitte!

Kindersegen

Aus: Ausgabe 15/2012

Ostern trifft sich die ganze Familie bei meinen Eltern. Eigentlich wollten mein Mann und ich bei diesem Fest verkünden, dass ich schwanger bin. Nun habe ich erfahren, dass meine Schwägerin vor Kurzem eine Fehlgeburt hatte. Müssen wir uns die freudige Botschaft verkneifen?“ Klara S., Boppard

Ihr Wunsch, auf die Gefühle Ihrer Schwägerin, Ihres Bruders Rücksicht zu nehmen, ehrt Sie. Vielleicht ahnen Sie ja gerade, weil Sie schwanger sind, was der Verlust eines ungeborenen Kindes bedeuten kann. Der Schmerz, die Leere und die jäh unterbrochenen Zukunftspläne werden deshalb in jedem Fall das familiäre Osterfest prägen, vermutlich allerdings verschämt und ohne mit Worten daran zu rühren. Eine Fehlgeburt ist nämlich eine Art Verlust vor dem Verlust, den zu betrauern sich viele, vor allem die potenziellen Großeltern, aber auch die möglichen Tanten und Onkel, nicht trauen. Das, was da verloren geht, ist ja vor allem eine Hoffnung auf ein Familienmitglied, das man noch gar nicht kennt. Trotzdem sollten Sie Ihren Liebsten die gute Nachricht nicht vorenthalten. Familie, das ist vielleicht der letzte Ort, wo Freude und Leid gleichzeitig Platz haben. Es kommt auf den Ton der Ankündigung an. Vermeiden Sie jeden Anflug von Triumph. Es gibt Familien, in denen zwischen den erwachsenen Kindern eine Art Wettkampf darüber ausbricht, wer die Eltern zum ersten Mal zu Großeltern macht. Geben Sie der Schwägerin deshalb nicht das Gefühl, dass Sie ersetzen, was sie selbst verloren hat. Dass Sie nun guter Hoffnung sind, ist keine Kompensation für den Verlust, es macht auch den Schmerz nicht kleiner. Das Wesen, das in Ihnen wächst, ist ein neues Geschenk und ein Grund für neue, ungeschmälerte Freude, auch für Ihre Eltern. Genießen Sie das Gesicht Ihrer Eltern. Seien Sie großzügig, wenn sich in der Freude von Bruder und Schwägerin ein bitterer Zug zeigt. Vielleicht können Sie ihr ja noch vor dem großen Fest sagen, dass Sie schwanger sind? Dann fühlt sie sich nicht überrumpelt. Sprechen Sie doch auch über Ihr Unbehagen. Die gemischten Gefühle sind damit nicht aus der Welt, aber sie lassen sich leichter aushalten. Nur lassen Sie nicht zu, dass ausgerechnet an Ostern der Tod gewinnt, weil das neu entstehende Leben beschwiegen wird.

Erschienen in:
Ausgabe 15/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Familie