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Haltung, bitte!

Kein Kinderspiel!

Aus: Ausgabe 08/2012

„In meinem Freundeskreis werden immer mehr Frauen schwanger. Lange Zeit habe ich mich bei jeder neuen Meldung mitgefreut, aber das gelingt mir immer weniger und ich fühle mich ausgeschlossen. Mit jeder Geburtsanzeige werde ich nur wieder daran erinnert, wie sehr ich mir eigene Kinderwünsche.“ Sara B. Delmenhorst

Wer sagt, dass geteilte Freude immer doppelte Freude ist, hat Ihre Erfahrung noch nicht gemacht. Wenn zwischen Frauen statt Urlaubsfotos nur noch Ultraschallbilder getauscht werden und die einzigen männlichen Wesen, über die noch gesprochen wird, Windeln tragen, kann das selbst beste Freundschaften belasten. Während der Bauch der schwangeren Freundinnen immer dicker wird, wächst bei Ihnen nur die Leere. Manchmal hilft es schon, sich den Schmerz einzugestehen und sich dafür nicht auch noch zu bestrafen. Es gibt gemischte Gefühle, die einen zerreißen können. Da verknoten sich Freude, Sehnsucht und Neid. Ist das Vertrauensverhältnis zu Ihren Mütterfreundinnen bisher belastbar gewesen, könnten Sie ruhig aussprechen, dass Sie sich gerade deshalb so ausgeschlossen fühlen, weil Sie eigentlich nichts lieber täten, als mit ihnen über Babymassage und Beckenbodengymnastik zu plaudern. Die eine oder andere Frau in Ihrem Bekanntenkreis ist möglicherweise sogar froh, dass sie dem sozialen Druck, überall und ausschließlich Mutter zu sein, in Ihrer Nähe für eine Zeit entfliehen kann. Sie glauben gar nicht, wie einsam das viel beschworene Mutterglück machen kann, wenn die Umwelt sich für nichts anderes mehr interessiert. Zumindest wird diese Freundin Ihnen Ihre Kinderlosigkeit durch unbedachte oder auch nur gesellschaftlich erwartete Dauerfixierung auf die lieben Kleinen nicht mehr ständig unter die Nase reiben. Versuchen Sie, sich nicht durch Ihren Kinderwunsch das ganze Leben verstellen zu lassen. Mutter zu sein ist großartig, aber nicht der letzte Lebenssinn. Wie kommt es eigentlich, dass ausgerechnet in der Bibel viele Frauen so lange vergeblich auf Kinder warteten? Sie waren die besonders Gesegneten. Sie stehen also in einer ehrwürdigen Tradition. Bei vielen kam das Kind dann doch noch. Unerwartet, als sie mit dem Hoffen schon am Ende waren. Auf ein Leben mit Kindern müssen Sie so lange nicht verzichten. Vielleicht engagieren Sie sich, bis es für Sie so weit ist, an irgendeiner Stelle, wo Kinder auf Ihre Hilfe warten?

Erschienen in:
Ausgabe 08/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch