www.zeit.deProbe-Abo

Haltung,bitte!

Kaum zu glauben!

Aus: Ausgabe 30/2014

„Der Präsident unserer Universität in Saarbrücken hat vorgeschlagen, dass die Kirchen die Religionslehrerausbildung selbst bezahlen sollen. Freunde von mir stehen der Kirche nahe und finden den Vorschlag vernünftig. Was sagen Sie?“ Christian F., Saarbrücken

Erlauben Sie mir eine kleine kulturpessimistische Welteindunkelei. Was ist aus der Universität geworden, wenn ein Präsident offen zum Rechtsbruch auffordert, um Geld einzusparen? Die Finanzierung der Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen, die an öffentlichen Schulen ein ordentliches Schulfach unterrichten werden, ist Aufgabe des Staates. So steht es im Grundgesetz, und das ist zum Glück über Sparpläne von Hochschulmanagern erhaben. Das ist übrigens auch in Verträgen und Konkordaten festgeschrieben.

Nun mag es Gründe geben, über den Zuschnitt der Theologie im „Streit der Fakultäten“ zu diskutieren. Auch über die Frage, ob der konfessionelle Religionsunterricht, wie er sich im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt hat, noch zeitgemäß ist. Auch die Verträge zwischen Staat und Kirche mag man kritisch sehen. Doch um diese Debatten geht es dem Präsidenten offenbar gar nicht. Er sucht nur nach Einnahmequellen für die gebeutelten Bildungsstätten in seinem Bundesland. So weit hat sich die Ökonomisierung ins Gebälk der Universitäten gefressen, dass kein Kammerjäger sein Glück versuchen will. Anders kann ich mir die milde Verstimmung, mit der die Öffentlichkeit auf diesen Vorschlag reagiert, nicht erklären.

„Reli“ ist keine Rekrutierungsmaßnahme für neue Kirchenmitglieder, sondern ein Bildungsraum, in dem die eigene religionskulturelle Prägung kennengelernt und kritisch ins Verhältnis zu anderen Religionen gesetzt wird. Der Religionsunterricht soll zur religiösen Mündigkeit erziehen und die Auseinandersetzung mit Formen der Religionskritik einüben. Diese Fähigkeit ist in einer Gesellschaft mit allen möglichen und unmöglichen Überzeugungen, Glaubenshinsichten und Haltungen elementar und geht alle an. Wie wäre es mit einem Gegenvorschlag: Warum lässt der Uni-Präsident sich den Studiengang für angewandte Mathematik nicht von den Versicherungskonzernen bezahlen?

 

 

Erschienen in:
Ausgabe 30/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Spiritualität, Kirchen, Kultur