www.zeit.deProbe-Abo

Haltung, bitte!

Katholische Arroganz

Aus: Ausgabe 30/2011

„Wir sind evangelisch und wohnen in einem tiefkatholisch geprägten Landstrich. Weil der Religionsunterricht sonst ganz wegfällt, darf unsere Tochter mit sechs anderen Kindern am katholischen Religionsunterricht teilnehmen. Teil des Religionsunterrichts ist auch die Firmvorbereitung. Alle evangelischen Kinder bekommen schlechte Noten, weil der Priester vor allem Wissen abfragt, das zur Firmung führt. Unsere Tochter will nicht mehr hingehen. Der Priester bleibt auch nach vielen Gesprächen hart und sagt: ,Die Evangelischen können ja zu Hause bleiben, wenn ihnen mein Unterricht nicht passt.‘ Was sollen wir machen?“

Überall im Lande fällt der Religionsunterricht aus, weil nicht genügend Schüler der einen oder anderen Konfession angemeldet sind. Auf den ersten Blick haben Sie in Ihrem Ort eine Lösung gefunden, die Schule machen könnte. Nur scheint der äußeren Ökumene keine innere zu folgen, denn dass alle jugendlichen Protestanten Faulpelze sind, ist in der Tat unwahrscheinlich. In einer Ausnahmesituation rigide einem Lehrplan zu folgen, der für eine Regel erfunden wurde, die in vielen Ecken Deutschlands längst nicht mehr gilt, ist nicht nur ärgerlich, das geht auch an der Wirklichkeit vorbei, auf die die Jugendlichen vorbereitet werden sollen.

Tragisch ist das für die Evangelischen, weil ihre Benachteiligung in einem versetzungsrelevanten Fach einen Eindruck fürs Leben hinterlässt. Was als Hintergrundstrahlung ihre Biografie bestimmen und als gebildeter Zugang zur eigenen Religion ihre Urteilskraft schärfen soll, wird zur Erfahrung einer Kränkung, die über kurz oder lang zur Abwehr oder gar Abkehr von der Kirche führt. Die katholischen Schülerinnen und Schüler werden im Geiste einer konfessionellen Überheblichkeit erzogen, während die Säkularisierungstendenzen in unserer Gesellschaft die Christinnen und Christen enger zusammenrücken lassen sollten. Eine verpasste Chance! Statt den Umgang mit Gemeinsamkeit und Unterschieden zu üben, wird hier das Ressentiment geschult. Sie sorgen sich angesichts des unbelehrbaren Lehrers zu Recht um die religiöse Bildung Ihres Kindes. In diesem Unterricht ist der positive Zugang zur Religion gefährdet. Melden Sie Ihre Tochter ab und suchen Sie Verbündete, um den Religionsunterricht anders zu organisieren: zum Beispiel als AG neben dem Unterricht. Das ist bitter, aber immer noch besser als der innere Ausstieg der Tochter aus dem Christentum.

Erschienen in:
Ausgabe 30/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch