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Haltung, bitte!

"Ist die Frau Bischof?"

Aus: Ausgabe 17/2013

„Was halten Sie eigentlich von Schmuckkreuzen um den Hals, aus Gold oder Silber? Ich trage meine Kette seit der Konfirmation. Neulich wies mich ein Freund, der sehr gläubig ist, darauf hin, dass ich damit der Banalisierung des Kreuzes Vorschub leisten würde.“ Sybille J., Bochum

Fast wäre ich geneigt, Ihrem frommen Freund recht zu geben. Denn gestern stand ich auf dem S-Bahn-Gleis neben einer jungen Frau, die auf dem schwarzen T-Shirt ein Silberkreuz von der Größe eines Handtellers trug. „Ist die Frau ein Bischof?“, fragte mein kleiner Sohn.

Für ihn als Pastorinnenkind ist das Kreuz auf dem Bauch hinter schwarzem Stoff eine Amtskette. Für die Frau auf dem Gleis ist sie ein cooler Schmuck, der zu den Piercings in der Nase passt. Madonna hat es vorgemacht. Ob ihre Nachahmerin das Kreuz überhaupt noch als kulturelles Symbol identifizieren könnte, das auf das Christentum verweist? Als religiöses Zeichen sieht es die junge Frau auf dem Bahnsteig wahrscheinlich nicht, schon gar nicht als brutales Folterinstrument der Antike, an dem Jesus gestorben ist.

Kreuze funkeln in Gold mit Brillanten im Dekolleté und in schwarzer Lederflechtung an dürren Knabenhälsen, die aus Ringelpullis ragen. Es gibt ja auch kleine Buddhas und Davidssterne auf dem Grabbeltisch neben der Theke der einschlägigen Modeketten, und auf seltsame Weise kommen die religiösen Zeichen, die aus Schulen und Gerichtssälen verschwinden wollen, als Schmuck massenhaft zurück.

Trotzdem sollten Sie Ihr Kreuz gelassen weitertragen. Denn für Sie ist es ja offensichtlich mehr als ein Accessoire. Es erinnert Sie an Ihre Konfirmation. Sie haben sich an diesem Tag buchstäblich an Christus festgehalten. Und die Kette ist das Zeichen dieser Verbindung. Vermutlich fingern Sie manchmal daran herum, wenn Sie nervös sind oder Angst haben. Diese Berührung ist wie ein stummes Gebet. Im Material selbst steckt keine Magie. Aber es ist ein Erinnerungszeichen.

Menschen brauchen manchmal etwas zum Festhalten, das ganz sinnlich ist. Deshalb verschenken Eltern oder Patentanten Ketten mit Kreuzen statt Geldscheine. Das ist ein schönes Insigne des Glaubens. Moden kommen und gehen. Vielleicht verschwinden die vielen Kreuze in der nächsten Saison von den Hälsen. Ihres wird bleiben. Passen Sie gut darauf auf.

Erschienen in:
Ausgabe 17/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Atheismus, Kirchen, Lebensstil