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Haltung, bitte!

Islam in der Kirche

Aus: Ausgabe 34/2013

„Wir waren vor Kurzem zu einer Familienfeier in Berlin. Dort wurde im Gottesdienst in den Abkündigungen den Muslimen der Stadt zum Fest des Fastenbrechens Gottes Segen gewünscht. Meine Frau und mich hat das sehr befremdet. Wir wollen ja keine Kleinstadtignoranten sein, aber gehört der Hinweis auf ein muslimisches Fest in einen christlichen Gottesdienst?“ Rüdiger W., Coesfeld

Was gehört in die Abkündigungen eines Gottesdienstes? Darf die Ankunft des Scherenschleifers erwähnt werden? Muss die Steuererhöhung auf Getreide rein? Und was ist mit dem Verlöbnis von Bertolds Gerdi mit einem Sozialdemokraten? Der Streit um die Abkündigungen ist seit dem 17. Jahrhundert überliefert und entbrennt immer neu. Wie viel „Welt“ passt in diesen Teil, der auf viele so wirkt, als reiße er ein Loch in das Netz der Liturgie? Wie viel Störung kirchlicher Behaglichkeit hält ein Gottesdienst aus? Abkündigungen sind kein Schnickschnack. Sie zeigen: Die Gemeinde lebt in der Welt.

In früheren Zeiten ersetzten die Abkündigungen den Fernseher. Hier wurde alles Wichtige bekannt gegeben: „Feste, Neuerungen des Gesetzeswesens, Steuern, Pest und Seuchen, Branntweinregeln, Baumfrevel und andere Kriminalfälle“. So steht es in einer Anweisung aus dem 17. Jahrhundert. Abkündigungen sind mehr als Infotainment, das ablenkt, langweilt oder ärgert. Hier wird die Gemeinde in die Nachbarschaft zurückgeholt. Zu dieser Nachbarschaft gehört in Berlin – und längst auch in vielen Kleinstädten – die Gemeinde der Muslime, für die dieser Tage die wichtigste religiöse Feierzeit zu Ende ging. Vielleicht waren manche Gottesdienstbesucher sogar zum Fastenbrechen bei Nachbarn oder Freunden eingeladen. Ist es da nicht angesagt, diesem Fest am Sonntagmorgen gleiche Aufmerksamkeit zu widmen wie dem Auftritt der Kitakinder auf dem Feuerwehrfest? Die Abkündigungen stehen übrigens in der Theologie des Gottesdienstes direkt vor den Fürbitten. Mit den abgekündigten Informationen verbindet sich so ein klares religiöses Anliegen. Die Welt jenseits der Kirchenmauern wird vor Gott gebracht, anstatt sie zu ignorieren.

Erschienen in:
Ausgabe 34/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch