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Haltung, bitte!

Inseln des Schmerzes

Aus: Ausgabe 51/2011

„Vor einem Jahr ist unsere Tochter gestorben. Sie hatte den Kontakt mit mir abgebrochen und auch während ihrer schweren Krankheit unsere Versuche, ihr zu helfen, ausgeschlagen...

...Ich besuche oft ihr Grab. Nun sagt meine beste Freundin, ich würde den Willen meiner Tochter missachten. Was soll ich tun?“

Friedhöfe sind Orte für die Lebenden. Sie sind geschützte Einzugsbereiche – das meinte einmal „Befriedung“ – für die Trauer und die Erinnerung. Geschützt vor den Einblicken derer, die durch das Leben eilen, sind sie Inseln des zugelassenen Schmerzes und der Sehnsucht nach Heilung gebrochener Herzen, sie sind Kontakthöfe für das, was unmöglich scheint: die Verbindung mit den Verstorbenen über ihr Andenken zu finden. Mit dem Grab und dem Namen auf dem Stein bleibt ja nicht nur die verlorene Person im Gedächtnis. Auch die komplizierte Beziehungsgeschichte bleibt so lebendig. Deshalb sollten Sie weiter ans Grab Ihrer Tochter gehen, auch wenn Ihre Tochter dies vielleicht (noch) nicht gewollte hätte. Ich vermute, Ihre beste Freundin will Sie von diesem schweren Gang entlasten. Sie sieht Ihre Qual und will Ihnen das Loslassen leichter machen, indem sie Sie daran erinnert, dass Ihre Tochter Sie schon verlassen hat, bevor der Tod gekommen ist.

Trennungsgeschichten sind nicht nur Geschichten von addierten Verletzungen und Missverständnissen, sie sind auch oft vollgesogen mit Stolz. Wer Beziehungen im Augenblick der eigenen Stärke kappt, kann in Zeiten der Schwäche häufig einfach nicht mehr zurück. Das Ende der Liebe lässt sich so aber nicht verordnen. Das erzählen Menschen immer wieder, die so zu Opfern ihrer eigenen Trennungswut geworden sind. Niemand weiß, wie die Mutter-Tochter-Beziehung weitergegangen wäre, wenn Sie beide Zeit zur neuerlichen Annäherung gehabt hätten. Sie haben alles Recht der Welt, mit dem Tod Ihrer Tochter auch darüber zu trauern, dass dieser Weg nun verschlossen bleibt. Der Friedhof kann dann auch das Stück Erde werden, wo Sie irgendwann aller Traurigkeit zum Trotz Frieden schließen können mit der so schrecklich abgebrochenen Liebesgeschichte. Vielleicht findet dort auch das Versprechen der kommenden Versöhnung zwischen Ihnen im Angesicht Gottes ein kleines Fleckchen.

Erschienen in:
Ausgabe 51/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik, Tod