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Haltung, bitte!

Ins Gericht gehen

Aus: Ausgabe 14/2014

„Ich arbeite seit 2009 in einem kleinen Fachbuchverlag. Vor zwei Jahren übernahm die Witwe des Verlegers den Laden und kündigte einem Teil der Mitarbeiter fristlos. Jetzt kommt es zu einer Gerichtsverhandlung zwischen meiner Arbeitgeberin und den beiden Chefredakteuren, denen die neue Chefin allerhand Vergehen vorwirft. Alle Vorwürfe sind falsch und erlogen. Soll ich vor Gericht gegen sie aussagen und meinen Job riskieren? Ich bin fast 50 Jahre und werde nur sehr schwer eine neue Arbeit finden, wenn mir fristlos gekündigt wird.“ Hannelore S., Düsseldorf

Moralische Dilemmata löst das Recht manchmal auf seine Weise: Wer vor Gericht „falsch Zeugnis ablegt“, macht sich nämlich strafbar. Deshalb haben Sie im Grunde nur die Möglichkeit, vor Gericht die Wahrheit zu sagen. Justitia ist nicht nur blind, sondern buchstäblich rücksichtslos. Das ist hart, denn schließlich geht es nicht nur um das Recht der beiden Gekündigten, sondern auch um Ihre eigene berufliche Existenz. Ihre Zeugenaussage hat also unter Umständen einen hohen Preis. Sie darf indes nicht zu einer fristlosen Kündigung führen. Wenn Ihre Chefin Ihnen damit droht, müssen Sie das nicht hinnehmen.

Ihr Schweigen vor Gericht mit der Fortsetzung Ihres Arbeitsvertrags zu erkaufen ist nämlich ebenfalls strafbar. Vor allem würde eine Falschaussage auf Ihrer Seele lasten. Stellen Sie sich vor, die beiden entlassenen Kollegen verlieren den Prozess, weil Sie gelogen haben. Im Übrigen lässt sich Loyalität auf Dauer sowieso nicht kaufen. Die Verlegerin mag Ihnen zwar kündigen, wenn Sie Ihre Sicht der Dinge vor Gericht zum Ausdruck bringen, aber das kann nur im Rahmen der arbeitsrechtlichen Möglichkeiten vonstattengehen. Nehmen Sie sich auf jeden Fall einen Anwalt, der Ihre Interessen deutlich macht und Sie umfassend berät! Aber gehen Sie auch mit sich selbst ins Gericht: Zwischen den Zeilen wird nämlich deutlich, dass Sie Ihrer Chefin sowieso nicht mehr über den Weg trauen. Ihr Urteil über sie fällt ja ziemlich eindeutig aus.

Können Sie sich in diesem Klima eine dauerhafte Berufstätigkeit überhaupt noch weiter vorstellen? Nehmen Sie doch das Heft des Handelns wieder selbst in die Hand. Werden Sie initiativ und suchen Sie von sich aus nach einer neuen Stelle, egal was vor Gericht passiert, und betrachten Sie Ihre alte als Übergang. Dann fühlen Sie sich Ihrer Chefin nicht mehr so ausgeliefert.

Erschienen in:
Ausgabe 14/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch