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Haltung, bitte!

Im Tauschrausch

Aus: Ausgabe 47/2012

Seit einigen Monaten teile ich mir das Büro mit einer neuen Kollegin. Mittags frage ich sie oft, ob ich ihr was zum Essen mitbringen soll. Mit ihrer Vorgängerin war das ein Geben und Nehmen. Meine neue Kollegin sagt auch gerne Ja. Allerdings erwidert sie dieses Angebot nie. Finden Sie das in Ordnung? Suse A., Bremen

Welche Ordnung meinen Sie? Die Ordnung des Tausches, nach der jedes Angebot mit einem Gegenangebot und jeder Gefallen mit einem Gefallen erwidert werden muss? Die Logik des Tausches bestimmt unser Handeln fast wie ein Naturgesetz. Sie ist so allgemein, dass es nur schwer möglich ist, aus ihr auszubrechen. Deshalb muss Ihnen die Haltung Ihrer Kollegin auch stieselig oder gar egoistisch vorkommen. Vielleicht ist die Tatsache, dass sie sich nie mit einem kleinen Lieferservice zum Mittagslunch revanchiert, nur Ausdruck mangelnder Sensibilität. Sie können natürlich Ihr Angebot an die Neue einstellen und nur noch für Ihr eigenes Wohl sorgen. Aber offenbar möchten Sie das nicht. Sie können ihr bei Ihrem nächsten Gang zum Imbiss um die Ecke einfach hinterherrufen: „Bringen Sie mir was mit?“ Es ist unwahrscheinlich, dass sie Nein sagt.

Oder entzündet sich Ihr Ärger über die mangelnde Zugewandtheit Ihrer Schreibtischnachbarin nur scheinbar an der Brötchenfrage, weil Ihnen die Atmosphäre im Büro insgesamt stinkt? In dicker Luft arbeitet es sich schlecht, und für Großzügigkeit ist auch kein Platz. Vielleicht hängt noch der Geist der alten Kollegin über der Arbeitsplatte der Neuen? Hoffen Sie auf ein lieb gewonnenes Ritual, weil Sie den alten Zeiten nachtrauern, in denen das Geben und Nehmen offenbar selbstverständlich war? Dann kann es sein, dass Ihre Kollegin das merkt und Ihrem Freundschaftsdienst nicht traut. Oft liegt auch in großzügigen Gesten eine kleinliche Botschaft, und die Gabe ist in Wahrheit die Aufforderung zu einem Handel. Ein Gespräch schadet deshalb nie. Finden Sie neue Gemeinsamkeiten. Vielleicht ist es statt der Sandwichtüte ein geteilter Blumenstrauß auf der Grenze zwischen den Tischen. Sie können es sich übrigens selbst leichter machen, indem Sie sich erinnern, dass wahre Großzügigkeit nicht auf Erwiderung angelegt ist. Entziehen Sie sich doch der Logik des Tausches. Verstehen Sie den nächsten Mitbringdienst nicht als Ihren Teil eines Deals, sondern als Geschenk. Das verändert Ihre Erwartungen. Ein Geschenk kommt freiwillig und ist nicht auf Gegengaben aus.

Erschienen in:
Ausgabe 47/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch