Ihr Motiv: Adele
Im Schatten der Königin
Aus: Ausgabe 08/2012
Kurz nach dem Tod von Whitney Housten wird sie bereits bei der Grammy-Verleihung als neue Diva des Soul gefeiert. Doch wie singt es sich von nun an im Schatten einer Toten?

Die Diva liegt tot in einem Hotelzimmer in Beverly Hills. Wenige Stunden später beginnt ein paar Straßen weiter die Grammy-Gala. Der Grammy ist der wichtigste Musikpreis der Welt. Es soll Adeles Gala werden. Doch Whitney „The Voice“ könnte mit ihrem Tod allen die Schau stehlen. So wie sie früher mit ihrer Stimme allen Glamour einheimste.
Adele, die 23-jährige Britin, wird schon seit einigen Jahren von Kennern des Rhythm-and-Blues-Business als die neue Soul-Diva gehandelt. Kraftvolle Stimme, außergewöhnliche Bühnenshow, glamouröse Persönlichkeit: Ihre beseelte Musik verkauft sich international glänzend. Adele hat alles, um von einer erfolgreichen Sängerin zu einer großen Künstlerin zu werden.
Nur etwas fehlt ihr: die tragische Fallhöhe, die aus einer Aneinanderreihung perfekter Töne erst eine Geschichte macht. Whitney Houston streifte sich gern porentief weiße Bühnenroben über, sie sang perfekte Melodie-Liebeslinien, doch wirklich groß wurde sie, als Drogensucht und ein prügelnder Ehemann das makellose Image befleckten. Künstler profitieren auf der Bühne von ihren Abstürzen, sie werden in den Augen anderer authentischer. Leid belebt das Geschäft. Irgendwann zerstören Leid und Geschäft das Leben.
All dies mag der jungen Adele durch den Kopf gehen, als der Grammy-Gastgeber LL Cool J die Preisverleihung mit einem Gebet für Whitney Houston eröffnet. Trauer liegt über Beverly Hills. Niemandem steht der Sinn danach, einen neuen Star an die Stelle der toten Diva zu setzen. Doch dann betritt Adele die Bühne. Sie singt und siegt. Sie zeigt, dass es ihr gut geht. Ihre Stimme klingt tief, sie verzichtet auf Tragik und Fallhöhe. Sechs Grammys erhält sie an diesem Abend. So viel wie Whitney in ihrer ganzen Karriere. Die Show geht weiter.





