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Wertestreit

Im Glauben zerissen

Aus: Ausgabe 04/2016

Die evangelikale Bewegung zerlegt sich: Die einen gehen auf Schmusekurs mit der Amtskirche, die anderen halten eine Annäherung schon für einen Sündenfall. Steht der Protestantismus vor einer neuen Spaltung?

Evangelikale«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, »sind für mich intensiv evangelische Christen.« Sie sagte es, als sie vor fünf Jahren die drei Spitzenmänner der evangelikalen Bewegung empfing. Es gibt so viele Evangelikale, dass die Kanzlerin sie nicht übergehen darf. Angela Merkel formte mit beiden Händen ihre Raute der Macht, die Evangelikalen falteten die Hände. Sie haben gelernt, die Mächtigen zu gewinnen. Aber sie streiten sich, wenn sie selber Macht bekommen.

Gerade ist ihr Spitzenmann Michael Diener in die Führung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt worden. Doch ein geraumer Teil der intensiv Evangelischen hält die Amtskirche für lau und lasch. Nun streitet sich die Bewegung, und vielleicht wird sie sich deshalb am Wochenende spalten. Der Patriarch der Bewegung, Ulrich Parzany, hat sich aus dem Ruhestand zurückgemeldet und einen Aufstand gegen Michael Diener angezettelt. Im Streit der zwei spiegelt sich die Uneinigkeit der Evangelikalen.

Dabei freut sich Parzany, dass die Bundeskanzlerin seine Bewegung so treffend beschreibt. »Das muss ihr Hermann Gröhe beigebracht haben«, sagt er bei einem Spaziergang im Essener Grugapark. Gröhe kommt aus dem CVJM. Parzany war 21 Jahre lang dessen Generalsekretär. Wenn sich Evangelikale wie der Gesundheitsminister in der Politik tummeln, ist ihm das lieber, als wenn sie sich, wie Michael Diener, mit der EKD verbünden. Hier in Essen ging es 1976 so richtig los mit der evangelikalen Bewegung in Deutschland.

Parzany, damals Jugendpfarrer in Essen, organisierte den Jugendkongress »Christival«. Billy Graham flog aus den USA ein, der größte Erweckungsprediger des Jahrhunderts. 40000 Besucher kamen ins Gruga­stadion. Es sei kalt gewesen damals an Pfingsten, erinnert sich Parzany. »Aber nicht so kalt wie heute.«
In Essen bedeckt an diesem Sonntagmittag der erste Schnee das Grün, die Wege sind geräumt. Immer wieder bleibt Ulrich Parzany stehen, hält inne und schwärmt von diesem ersten großen Glaubensfest.

Mit seiner kantigen Ruhrgebietssprache, die aufgeschlagene Bibel in der ausgestreckten Hand, schießt Parzany in Gottesdiensten und in Glaubenskursen Satz für Satz ins Publikum. Der 74-Jährige ist der deutsche Billy Graham. Doch ein »Maschinengewehr Gottes«, wie der US-Amerikaner auch genannt wird, sei er nicht. Er wolle niemanden erschießen – »aber zündeln will ich schon!« Bei der Ordination habe er sich zur Wahrheit verpflichtet. »Ich werd doch nich zum Lüchner!«, sagt er. Eine offene Gesellschaft brauche den offenen Diskurs. Beim Spazierengehen hört sich das bescheiden und zurückhaltend an. Er könnte der freundliche ältere Herr sein, mit dem man sich lange über Gott und die Welt unterhält. Schreibt man seine Sätze auf, klingen sie schrill und nach einem verbitterten alten Mann.

Der verbitterte alte Mann in ihm hat jetzt ein Memorandum verfasst. Das fordert »Widerstand gegen die Irrlehren, die in den evangelischen Kirchen vertreten und gefördert werden«. Zum Wochenende hat er 60 Gleichgesinnte an seinen Wohnort Kassel eingeladen, Männer wie er, auf die Evangelikale hören. Mit den intensivsten der intensiv Evangelischen möchte er ein »Netzwerk Bibel und Bekenntnis« gründen. Und sich gegen zwei Dammbrüche stemmen: Bibelkritik und Homosexualität. Daran krankt nach seiner Ansicht die evangelische Kirche, und die Evangelikalen haben sich bereits angesteckt. In seinem Memorandum heißt es: »Wir verwerfen die falsche Lehre, homosexuelle Beziehungen entsprächen dem Willen Gottes und dürften von den Kirchen gesegnet werden.« Gerade hat die rheinische Kirche beschlossen, homosexuelle Paare zu trauen.

Sein Gegenspieler und Freund Michael Diener, mit dem er sonntags den gleichen Gottesdienst besucht, akzeptiert, wenn evangelische Christen Homosexualität normal finden. Das war für Parzany zu viel. Diener verrate die Wahrheit der Heiligen Schrift, schleuderte er ihm entgegen. Der Vorstand der Evangelischen Allianz sprang Diener halbherzig bei: Er sprach seinem Vorsitzenden das Vertrauen aus – doch Dieners Position zur Homosexualität liege quer zu den Verlautbarungen der Allianz. Parzany sagt, homosexuelle Handlungen seien nach der Bibel Sünde. Im Gespräch zieht er Vergleiche zu Päderastie und Poly­amorie. Polygamie werde jetzt, wo der Familiennachzug der Flüchtlinge geregelt werde, auch wieder relevant. »Wie die Gesellschaft diese Frage beantwortet, entscheidet die Mehrheit«, sagt er. »Für die christliche Gemeinde halte ich solche Beziehungsformen für nicht akzeptabel.«

Jetzt blicken Evangelikale auf das Wochenende: Zerbricht die Bewegung? Oder bekommt sie nur einen neuen Verband, der unter den 300 vorhandenen nicht weiter auffällt? Wer hat mehr Anhänger, Diener oder Parzany, die Nähe zur Macht oder die Opposition?

Michael Diener kritisiert die »Sündenhierarchie« der evangelikalen Bewegung, die vor allem auf Sex anspringt: »Dass im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken, geht vielen Evangelikalen nicht so nah wie die persönlichen Lebensverhältnisse des Bundespräsidenten«, sagte er im Magazin »pro«. Und: »Gott hat uns zehn Gebote gegeben, nicht nur eins.« Diener respektiert, dass andere die Bibel anders auslegen als er, und auch, dass Homosexuelle in evangelischen Gemeinden mitarbeiten. Nach seiner Wahl in den Rat der EKD empfahl er den Evangelikalen in der »Welt« eine selbstkritischere Haltung.

Das war Parzany zu viel Selbstkritik. Als oberster Repräsentant hätte Diener im ersten großen Interview nach der Wahl nicht gleich die eigenen Reihen angehen, sondern die Position der Evangelikalen in der Öffentlichkeit vertreten sollen.
Für Parzany geht es um alles. Damit erklärt er seine scharfen Töne. Die EKD, die sein Freund jetzt vertritt, demontiere in ihren Verlautbarungen die Grundpfeiler der Reformation. Es gehe um das Bekenntnis, wie im Dritten Reich beim Kampf der Bekennenden Kirche gegen die Deutschen Christen.

Der Cheftheologe der Evangelischen Kirche in Deutschland, Thies Gundlach, nennt die Evangelikalen »eine Rose im Garten der EKD, schön anzusehen, oft auch mit wild wuchernden Stacheln«. In Württemberg, in Sachsen und in der Gegend zwischen Siegen und Gießen, wo es besonders viele von ihnen gibt, haben sie ihre Regionen mit ihrer konservativen Grundhaltung und ihrem Bürgerfleiß getränkt. Wo sie wohnen, herrscht Wohlstand. Durch ihre Bibelfrömmigkeit und ihr Engagement sind sie ein Rückgrat ihrer Gemeinden. 1,3 Millionen Sympathisanten rechnet sich die Bewegung zu, je zur Hälfte in den evangelischen Landes- und den Freikirchen. Die Ränder sind fließend. Gemeinsam sind Evangelikale überzeugt, dass ein Kirchensteuerzahler noch kein Christ ist. Denn ein Christ muss sich persönlich zu Christus bekennen. Deshalb erheben sie Mission zum Grundpfeiler ihrer Arbeit. Und ihr wichtigster Missionar heißt Ulrich Parzany mit seinem Missionswerk »ProChrist«. Es veranstaltet alle zwei Jahre einen Tele-Gottesdienst, der in Hunderte Kirchen, Gemeinden, Dorfgemeinschaftshäuser und Sporthallen übertragen wird.

In seinem Kuratorium versammelt der ProChrist-Trägerverein die Prominenten der evangelikalen Bewegung. Etwa die Ex-Ministerpräsidenten Günther Beckstein und Christine Lieberknecht, Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesarbeitsagentur und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, der frühere EU-Parlamentschef Jerzy Busek, die evangelischen Bischöfe aus Pommern und Württemberg und eine stattliche Reihe Unternehmer, zum Beispiel Heinrich Deichmann. Evangelikale veranstalten fromme Popkonzerte und Christustage im Stuttgarter Daimler-Stadion, Pfingsttreffen im oberfränkischen Dorf Bobengrün, Medienkongresse und Märsche für das Leben – und Tausende kommen. Sie schreiben waschkörbeweise Beschwerden, wenn Fernsehsender kritisieren, in ihren Reihen tummelten sich freie Missionswerke, deren Leiterinnen und Leiter Menschen manipulierten.
Im letzten Jahr, nach besonders heftiger Kritik, setzte Michael Diener durch, dass die Evangelische Allianz drei Beauftragte für geistlichen Missbrauch in ihren 300 Mitgliedsorganisationen berief.

An den rechten Rändern verbinden sich Evangelikale mit Rechtskatholiken. Das Portal Kath.net und die katholische Zeitung »Tagespost« übernehmen gern Nachrichten der evangelikalen Agentur idea, etwa wenn idea die Berliner AfD-Landesvorsitzende und Europaabgeordnete Beatrix von Storch porträtiert. Vier Lobbyisten der Allianz haben Hausausweise im Bundestag. Erfolgreich besetzen sie Themen wie Religionsfreiheit und Christenverfolgung. Volker Kauder, der Fraktionschef der Union, sprach auf der Jahreskonferenz der Allianz im thüringischen Städtchen Bad Blankenburg vor zweieinhalbtausend Teilnehmern über seine Besuche in Ländern, in denen Christen diskriminiert werden. Die Breite der evangelikalen Bewegung ist weniger konservativ, probiert neue Gottesdienstformen aus und hat nichts gegen Homosexuelle. Die Hälfte, so schätzen Kenner, liegt wahrscheinlich auf Dieners Reformkurs.

Trotzdem ist Parzany überrascht, dass sein Memorandum die Bewegung zu zerreißen droht. Hat er seine Wirkmächtigkeit unterschätzt? »Das kann wohl sein«, sagt er. Ambitionen, die Bewegung zu spalten, habe er keine. Dafür gebe es auch gar keinen Anlass. Er wolle nur bekennende Christen vernetzen – und  für die Wahrheit einstehen. »Wenn die Basis meint, dass der Vorsitzende ihre Position nicht mehr vertritt, besteht Klärungsbedarf«, sagt Parzany.

Ob er eine Kirche des heiligen Rests wünscht? »Das sind wir sowieso«, meint Parzany. Nur vier Prozent aller Protestanten gingen noch in einen Gottesdienst. Doch stelle dieser heilige Rest jeden Sonntag die Besucherzahlen der Bundesliga in den Schatten.

Einer Spaltung sehen manche Führungskräfte der Evangelischen Allianz inzwischen gelassen ins Auge. Kommt sie, können sie nichts daran ändern. Sie hoffen darauf, dass Parzany einlenkt. Und dass sie demnächst wieder bei der Kanzlerin die Hände falten.

Erschienen in:
Ausgabe 04/2016
Redakteur:
Hannes Leitlein und Wolfgang Thielmann (Redakteure)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Evangelisch