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Haltung, bitte!

Im Elternschatten

Aus: Ausgabe 17/2012

„Im Sommer heirate ich. Mein zukünftiger Mann hat lange gebraucht, mich von diesem Schritt zu überzeugen, meine Eltern haben eine schmutzige Scheidung hinter sich und vertragen sich immer noch nicht. Meine Mutter verlangt von mir, dass ich meinen Vater und seine neue Lebensgefährtin nicht einlade. Was soll ich tun?“ Evi B., München

Herzlichen Glückwunsch! Es erfordert Mut und Vertrauen, sich auf das Abenteuer der Ehe einzulassen, wenn die eigenen Eltern an dieser Herausforderung gescheitert sind. Scheidungen werfen oft einen langen Schatten, auch auf das Leben der Kinder. Dass Sie sich trotz des offenbar andauernden Rosenkriegs der Eltern auf die Ehe einlassen, zeigt, dass Sie erwachsen sind und Ihr eigenes Leben in die Hand nehmen wollen. Lassen Sie nicht zu, dass der Schatten der Scheidung Ihrer Eltern Ihren großen Tag verdunkelt. Es ist Ihr Fest und das Ihres zukünftigen Mannes. Das muss Ihre Mutter respektieren. Vielleicht hat sie sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, Sie als Puffer zwischen sich und dem Ex-Mann aufzustellen. Vielleicht haben Sie zu lange Rücksicht auf die verletzten Gefühle Ihrer Mutter genommen.

Vielleicht hat sie sich in ihrem Gram aber auch eingerichtet und ahnt, dass Ihre Hochzeit auch für sie ein neuer Lebensabschnitt ist. Denn nun geht die eigene Tochter die Lebensverbindung ein, an der sie selbst gescheitert ist. Das muss wehtun, vor allem, weil das Gift der Enttäuschung bei Ihnen augenscheinlich nicht gewirkt hat. Ihre Mutter hat nicht das Recht, Sie zu erpressen. Genau das versucht sie, als wolle sie noch einmal eine Entscheidung von Ihnen. Vater oder Mutter? Diese Alternative ist schon im Prozess der Trennung schlimm, aber vielleicht noch verständlich, weil wunde Seelen auch rücksichtslos sind. Doch so eine Entscheidung Jahre nach einer Scheidung aus Anlass Ihrer Hochzeit zu verlangen ist eine ziemlich egoistische Verdrehung von Mutterliebe und zeugt von dem Unvermögen, die eigene Geschichte anzunehmen und von der Geschichte der Tochter zu unterscheiden. Machen Sie Ihrer Mutter deutlich, dass Sie sich nicht deren Lebensunglück aufzwingen lassen. Sagen Sie ihr, wie sehr Sie sich wünschen, dass Ihre Eltern sich mit Ihnen freuen. Laden Sie beide ein, trotz des Risikos, dass Ihre Mutter nicht kommt. Die beiden müssen ja nicht nebeneinander an der Hochzeitstafel sitzen.

 

 

Erschienen in:
Ausgabe 17/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie