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Muslime

Ihr Wortabschneider!

Aus: Ausgabe 32/2012

Was wäre gewesen, wenn Beschneidung ein rein islamisches Thema wäre? Gäbe es dann auch das Bemühen, der Religion gerecht zu werden? Unser Autor, Muslim und CDU-Nachwuchspolitiker, hat da seine Zweifel

Falk Terrey

Die muslimische Stimme fehlt in der Diskussion um die Beschneidung. Einige Vertreter der Dachverbände haben sich zwar geäußert, es gibt ein paar Pressemitteilungen, aber sie finden kaum den Weg in Zeitungen, Fernsehen und Radio. Beschneidung, so scheint es, ist ein Thema für Politiker, Leitartikler, Ärzte und Traumaforscher. Wenn überhaupt Gläubige zu Wort kommen, dann sind sie entweder Vertreter der beiden großen Kirchen oder Sprecher von jüdischen Organisationen. Rund vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Sie sind die größte betroffene Gruppe. Aber selbst die Bundeskanzlerin verliert in ihrer Argumentation kein Wort über sie. „Ich will nicht, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt ist, in dem Juden nicht ihre Riten ausüben können“, erklärte sie. Erst in einer späteren Erklärung der Bundesregierung wurden Muslime dann doch noch einbezogen.

Diese Art der Diskussion empfinden wir Muslime als paternalistisch: Die Mehrheitsgesellschaft befindet, was für eine – große – Minderheit gut und was schädlich ist, über den Kopf dieser Minderheit hinweg. Wie wäre die Diskussion wohl verlaufen, wenn ausschließlich Muslime von dem Urteil betroffen wären? Gäbe es dann auch eine so starke Lobby pro Beschneidung? Diese Frage beschäftigt die muslimische Community mehr als ein Pro und Kontra Beschneidung. Ist unsere fehlende Stimme womöglich ein Zeichen dafür, dass auch ansonsten noch einiges fehlt, um als gleichwertiger Diskussionspartner anerkannt zu werden?

Die Probleme sind zum Teil hausgemacht: Sie haben zu tun mit den Strukturen der Verbände. Es gibt nicht „den“ autorisierten, allseits akzeptierten Vertreter islamischer Positionen in Deutschland, es gibt kein muslimisches Pendant zu den Kirchen. Die Stille ist zum anderen Teil aber auch eine Folge einer mentalen Destabilisierung von außen. Sarrazins Erfolg mit dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist nicht vergessen. Von dem Kölner Gerichtsurteil ging für die muslimische Gemeinschaft das Signal aus: Die Deutschen verstehen uns schon wieder nicht.

Dass Muslime zu diesem Thema kaum in TV-Talkrunden sitzen, heißt mitnichten, dass sie nicht untereinander darüber diskutieren. Die Beschneidung ist seit dem Urteil das wichtigste Thema in Moscheen und Vereinslokalen. Viele Gläubige fürchten ein allgemeingültiges Beschneidungsverbot. Im vertrauten Kreis werden schon Pläne geschmiedet, wie man in Zukunft die Beschneidung der Kinder in der Türkei oder in einem anderen Land organisieren könnte. In der Beschneidung eine Körperverletzung zu sehen und davon abzulassen – das kommt für Muslime nicht infrage. Die Beschneidung ist ein zu wichtiger Teil der Identität. Sie aufzugeben käme einer Verstümmelung dieser Identität gleich. Kann, wer die Sitten und Bräuche des Islam nicht akzeptiert, Muslime akzeptieren? Allen präsidialen Festtagsreden zum Trotz gehören offenbar weder der Islam noch die Menschen, die an ihn glauben, wirklich zu Deutschland.

Dass die muslimische Sicht in der aktuellen Diskussion nicht gefragt ist, hat auch damit zu tun, dass die Interessenvertreter es jahrzehntelang versäumt haben, grundlegendes Wissen über den Islam zu verbreiten. Viele Verbände wurden Anfang der 1970er-Jahre in Deutschland gegründet. Jedoch legten sie anfangs wenig Wert darauf, diese Religion den Deutschen bekannt zu machen. Wozu auch? Damals dominierte auch bei den Verbänden der Gedanke, dass die „Gastarbeiter“ bald wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren würden. Im Mittelpunkt der Aktivitäten stand der Gottesdienst, dabei blieb man unter sich. Die deutsche Politik sah es ähnlich, auch sie erkannte keinen Grund, die „neue“ Religion im Lande kennenzulernen. Deutsche und Muslime gingen sich lange aus dem Weg, weil beide Seiten es so wollten.

Als Integration in den Neunzigerjahren zum politischen Topthema avancierte, waren die muslimischen Verbände schlecht darauf vorbereitet. Ihnen fehlten qualifizierte Sprecher. Und ihnen fehlten Deutsche, die neugierig zuhören und im Islam nicht nur ein Problem sehen wollten. In der Beschneidungsdebatte zeigen sich die Spätfolgen dieser mangelnden Kommunikation.

Was könnte man wissen, wenn die Verständigung schon früher besser funktioniert hätte? Zum Beispiel, dass die Beschneidung in vorislamischer Zeit existierte. Sowohl Männer als auch Frauen wurden damals beschnitten. Heutzutage gehört allein die Beschneidung des Mannes zu den Riten des Islam. Die Beschneidung wird zwar im Koran nicht erwähnt, das heißt jedoch nicht, dass man sich leichter von dem Brauch verabschieden kann. Die Beschneidungslehre fußt auf der zweiten elementaren Quelle des Islam, nämlich den Überlieferungen des Propheten (Hadith). Der Prophet Mohammed beschrieb die Beschneidung als einen Vorgang, der zur natürlichen Reinheit des Mannes gehört.

Jegliche Empfehlungen des Propheten an die Glaubensgemeinschaft der Muslime werden unter dem Begriff „Sunna“ zusammengefasst. Welch hohen Rang die Beschneidung besonders in der türkischen Bevölkerung hat, wird an der Tatsache deutlich, dass das Wort im Türkischen mit „Sünnet“ übersetzt wird. Es ist also direkt vom arabischen „Sunna“ abgeleitet. Selbst Muslime, die sich sonst nicht an islamische Gebote halten und nicht praktizieren, halten an der Beschneidung ihrer Kinder fest.

Unter Muslimen gibt es keine Grundsatzdiskussion darüber, ob diese Praxis Kinder traumatisiert oder andere Spätfolgen zeitigt. Die Beschneidung gilt als symbolischer Eintritt in die Religionsgemeinschaft und gehört zur „Natur eines Mannes“. Es gibt jedoch einen kritischen Austausch über die Motivation. Wie bei vielen religiösen Riten vermischt sich bei der Beschneidung die religiöse Intention mit traditionellen Aspekten. Der religiöse Grundgedanke, einer Empfehlung des Propheten Mohammed zu folgen, spielt noch eine große Rolle, allerdings mischen sich soziale Argumente darunter: Gemeinschaftsgefühl, Familienverbundenheit, aber auch die Angst, ohne Beschneidung ausgeschlossen zu sein.

Muslime staunen derzeit darüber, wie emotional und polemisch in Deutschland über die männliche Vorhaut debattiert wird. So beschreibt die Kinderbeauftragte der SPD-Fraktion im Bundestag, Marlene Rupprecht, die Beschneidung als eine „Form der Verstümmelung“, und der Pressesprecher des Berufsverbands der Deutschen Urologen, Wolfgang Bühmann, behauptet, es gebe in Mitteleuropa keinen Grund für einen Arzt, eine Beschneidung durchzuführen, wenn keine medizinische Indikation vorliege.

Die Fraktion der Grünen will der Bundestagsresolution zur religiösen Beschneidung nicht zustimmen. Der fraktionsübergreifende Antrag wird nur von CDU/CSU, SPD und FDP eingebracht. Mit der Resolution will sich der Bundestag symbolisch dafür starkmachen, dass eine medizinisch fachgerechte Beschneidung bei Jungen grundsätzlich zulässig ist. Für Muslime ist dies ein wichtiges Zeichen der politischen Verantwortungsträger, durch das sie zeigen, wie ernst sie es mit der Integration meinen.

Eltern, die ihre Kinder beschneiden lassen, konnten sich bisher auf das Recht der freien Religionsausübung berufen und das Recht, selbst über die religiöse Erziehung ihrer Kinder entscheiden zu dürfen. Für viele sind das Rechte, die das Kölner Landgericht stärker hätte berücksichtigen müssen. Doch das Gericht entschied anders und räumte dem Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit einen höheren Stellenwert ein, womit es das Beschneidungsverbot begründete. Damit wertete es das Recht auf körperliche Unversehrtheit höher als das Recht der freien Religionsausübung.

Im deutschen Grundrechtsgefüge ist dies nicht der erste Konflikt zwischen zwei Rechtsgütern. In den Debatten um kosmetische Operationen oder um die Freigabe von Drogen stößt man auf einen Konflikt zwischen der Selbstbestimmung des Individuums und der Verpflichtung des Staates, die körperliche Unversehrtheit seiner Bürger zu gewährleisten. Ähnlich verhält es sich mit dem Schwangerschaftsabbruch. Der Staat garantiert zwar den Frauen das Recht auf Selbstbestimmung, dem ungeborenen Kinde jedoch auch die Menschenwürde. Es gibt keine statische Rangfolge der Rechte. Vielmehr werden die Umstände der Entscheidungssituation in Betracht gezogen.

Wenn ich jetzt in einer Fernsehtalkshow gebeten würde, die muslimische Stimme zu erheben, würde ich Folgendes sagen: In einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen von der Religion abwenden, gilt es nun, einen geeigneten Platz für die freie Religionsausübung im Grundrechtsgefüge zu finden. In Zukunft wird es nicht einfacher, sich darauf zu berufen. Umso wichtiger erscheint es nun, eine wichtige Säule zweier Religionen rechtlich zu festigen.

Hidayet Metin studiert Medizinmanagement und ist Vorstandsmitglied des Deutsch-Türkischen Forums der CDU Nordrhein-Westfalen.

Erschienen in:
Ausgabe 32/2012
Redakteur:
Hidayet Metin ()
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Islam, Judentum, Innenpolitik, Ethik, Lebensstil