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Haltung, bitte!

Ideen brauchen Zeit

Aus: Ausgabe 25/2011

"Ich engagiere mich als Abiturientin in der evangelischen Jugendarbeit und war begeistert vom Kirchentag. Als ich meinem Pfarrer von den Anregungen dort erzĂ€hlte, meinte er, dieser Medienrummel wĂŒrde vom wahren Glauben eher ablenken. Warum gibt es Kirchentage, wenn die Geistlichen sie daheim ablehnen?"

Warum gibt es Kirchentage? Die großen Christentreffen tun gut, die ganze Stadt ist voll Gesang, die eigene Überzeugung wird von vielen geteilt und sogar anstrengende politische oder ethische Debatten auf Papphockern in viel zu stickigen Messehallen vergehen auf Kirchentagen wie im Flug. Das macht gewiss im Glauben und gibt einen Schub fĂŒr das Christenleben mitten in der Welt. Neue Bekanntschaften, neue Ideen, dazu jede Menge Stoff zum Nachdenken und ein BĂŒndel neuer Lieder, all das soll in der Woche danach das Leben in der Gemeinde bereichern. Und dann die ErnĂŒchterung. FĂŒr die, die nicht dabei waren, ist alles wie immer. FĂŒr manche ist es sogar schlimmer, weil sie den Kirchentag nur aus den Medien kennen. Was viele Medien aus Kirchentagen machen, ist im Grunde beleidigend fĂŒr den Journalismus. Die skurrilsten StĂ€nde auf dem Markt der Möglichkeiten, ein paar polarisierende O-Töne sogenannter Kirchenstars – so lassen sich Kirchentage leicht verĂ€chtlich machen.

Diese Berichterstattung fĂ€rbt vermutlich auf Ihren Pfarrer ab. Kirchentage sind wie ein rauschendes Fest fĂŒr die, die dabei waren. Der Kater danach gehört genauso dazu wie das UnverstĂ€ndnis derer, die nicht auf der Party gewesen sind. Die Begeisterung der ZurĂŒckgekehrten kann die Daheimgebliebenen ganz schön ĂŒberfahren. Mit bunten Schals um den Hals wird die Alltagswelt noch grauer. Geben Sie Ihrem Pfarrer Zeit. Zeigen Sie ihm, dass die Ideen aus Dresden keine flĂŒchtige Laune sind. ErzĂ€hlen Sie ihm, was Ihnen dort wichtig geworden ist und warum Sie in der Gemeinde da und dort VerĂ€nderungen wollen. Lassen Sie sich selbst Zeit. Ein paar Tage im Ausnahmezustand können lange nachklingen, wenn sich die neuen Ideen im Lichte dessen bewĂ€hren, was Sie mit anderen zusammen umsetzen können. Vielleicht lĂ€sst er sich dann sogar ĂŒberzeugen, zum nĂ€chsten Kirchentag mitzufahren.


Die Pastorin Dr. Petra Bahr ist Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin des Buches „Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur fĂŒr Christen“. Wenn Sie vor einem Dilemma stehen und einen Ausweg mit Anstand suchen, schreiben Sie Dr. Petra Bahr: haltung@christundwelt.de

Erschienen in:
Ausgabe 25/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen