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MENSCHENRECHTE IN CHINA

„Ich war eine Ratte im Dreck“

Aus: Ausgabe 06/2012

Die Kanzlerin besucht China und mahnt die Menschenrechte an. Der Autor Liao Yiwu hat am eigenen Leib über Jahre schlimmste Haftbedingungen und Folter erlitten. Ein Gespräch mit dem Regimekritiker im deutschen Exil

FOTO: MARKUS WÄCHTER/CARO

Christ & Welt: Wie hält es der chinesische Staat mit der Menschenwürde?
Liao Yiwu
: Als ich 1994 aus dem Gefängnis entlassen wurde, hatte ich nichts mehr, was mir ein menschenwürdiges Leben ermöglicht hätte. Zwei Jahre lang schlug ich mich als Kneipenmusikant durch, verkaufte im Untergrund meine Lieder. Ich lebte buchstäblich von der Hand in den Mund. Die Leute, die ich in dieser Zeit traf, waren die gleichen Typen wie im Knast, nur dass wir jetzt keine Mauern mehr um uns hatten.

C & W: Warum hatten Sie denn damals kein Zuhause mehr?
Liao:
Ich habe diesen Zustand nicht selbst gewählt. Ich hatte zu niemandem Kontakt, auch nicht zu meinen ehemaligen Künstlerfreunden. Die Parteistrategie war darauf angelegt, mich zu meiden. Außerdem schämte ich mich vor mir selbst. In der Zelle hatten sie mich zu einer grauen Ratte im Dreck gemacht, die durch den Schlamm wuselt und nichts weiter will, als zu überleben.

C & W: Ein hoher Preis für ein politisches Gedicht. Sind Sie denn überhaupt ein politischer Dichter?
Liao: Ich hatte kein politisches Ideal, bevor ich verhaftet wurde, und auch keines, als ich wieder herauskam. Alles, was ich bis dato über Gefängnisse wusste, war angelesen. Ich habe geglaubt, politische Häftlinge würden dort wie Respektspersonen behandelt, nicht wie normale Kriminelle. In meinem Trakt wurde alles zusammengewürfelt, was das kriminelle Spektrum so hergibt. Ich musste mich schon sehr anpassen, sonst hätte ich niemals überlebt. In vier Jahren habe ich Mörder, Diebe und Entführer kennengelernt, ihre grausamen und ihre zarten Seiten. Ich kannte sie schließlich so gut, wie ich mich selber kenne.

C & W: Wie schafften Sie es denn, als Intellektueller dort nicht unterzugehen?
Liao:
Ich habe schnell verstanden: Jeder von denen kann dein Lehrer sein. Ich wollte, dass sie mir von sich berichten. Aber sie raunten nur: „Erzähl du erst mal was von dir, bevor du uns aushorchst.“ Ich erzählte daraufhin von den Hausdurchsuchungen, den Verhören und meinen Knastaufenthalten, auch dass ich zweimal geschieden und Vater eines unehelichen Kindes sei. Die Schwerverbrecher reagierten ehrlich pikiert: „Du bist ja ein ganz übler Zeitgenosse! Dagegen sind wir ja richtig biedere Ganoven!“

C & W: Haben Sie denn etwas von Ihren Mitgefangenen gelernt?
Liao:
Indem ich ihnen das Gefühl gab, selbst sie ließen sich noch herab, mit mir zu reden, war die Voraussetzung gegeben, dass sie ihr Leben dann auch vor mir ausbreiteten. Anders als ich haben viele es dort geschafft, ihre Selbstachtung zu erhalten. Ich selbst fühlte mich erniedrigt und dachte, wenn ich nicht mehr schreibe, ist alles völlig umsonst gewesen. 300 Menschen habe ich im Gefängnis befragt. Das Vorhaben, einen Zeugnisbericht aus der Haft zu verfassen, hat mich am Leben gehalten. Die Wurzel dessen, was meine Literatur heute hervorbringt, ist diese Gefängniszeit.

C & W: Untertreiben Sie da nicht etwas? Sie gelten als sehr belesen.
Liao:
Mein Vater hat mich die alten chinesischen Klassiker auswendig lernen lassen. Das Auswendiglernen ist eine traditionelle Praxis, mit der sich die chinesische Kultur durch Phasen der Diktatur rettete. Denken Sie an die verfolgten konfuzianischen Mönche, die die alten Werke über Jahrhunderte mündlich weitergaben. Mit nur wenigen Abweichungen vom Original, wie es sich nach dem Abgleich mit wiedergefundenen alten Schriften später herausstellte.

C & W: Was sagt uns das hinsichtlich Ihrer schriftstellerischen Arbeit?
Liao: Nach meiner Gefängniszeit habe ich mit meinem Zeugnisbericht begonnen und hatte 1995 bereits 600 Seiten fertig. Da wurde er von den Behörden konfisziert. Ich hatte keine Wahl, schrieb alles noch einmal, mit der Hand. Zwei weitere Jahre sog ich mir diesen Text in Kleinst?arbeit wieder aus den Fingern. Nachdem ich damit fast fertig war, hat die Polizei es erneut beschlagnahmt. Das war für mich die schlimmste Folter, weil ich ja im Geiste diese schlimme Zeit immer wieder durchleiden musste. Trotzdem habe ich mich ein drittes Mal darangemacht. Ich hatte gar nicht vor, das Buch zu verlegen, sondern wollte damit nur meine Würde wiedererlangen. Nach dem dritten Mal merkte ich, wie gut mein Gedächtnis inzwischen funktioniert, zuverlässig wie ein Kassettenrekorder. Mein Interviewband „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, in dem ich den sogenannten Abschaum der chinesischen Gesellschaft befrage, fiel mir wegen meiner Merkfähigkeit danach ziemlich leicht.

C & W: Relativ problemlos schien auch Ihre anfängliche Dichterkarriere begonnen zu haben…
Liao:
Ich war Mitglied in einer staatlich finanzierten Literaturanstalt und habe 20 Literaturpreise bekommen. In den 1980er-Jahren scherte sich diese Kultureinrichtung nicht darum, ob kritische Publikationen gedruckt wurden. Sie veranstaltete Lesungen, brachte Autoren zusammen. Wir haben Lesereisen durch ganz China organisiert und schrieben eine Art „Graswurzel-Lyrik“, die mit avantgardistischen Mitteln traditionelle Formen chinesischer Dichtung wieder aufleben lassen wollte. Natürlich wurde von oben gelegentlich eingeschritten. Dennoch haben wir diese dynamische Zeit als Fortschritt missdeutet. Ein Fehler, wie ich später am eigenen Leibe erfuhr.

C & W: Von der Dichtung haben Sie sich verabschiedet. Was bedeutet die Tradition heute noch für Sie?
Liao:
Für uns Chinesen ist Tradition ein altes Überlebensprinzip. Da gibt es zum einen das Tao, das vernünftige Zusammenspiel von Ursache und Wirkung, auch das Prinzip des Himmels genannt. Die zweite Säule ist unser ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein. In der alten Lehre vom Prinzip des Himmels dreht sich der Kosmos unaufhörlich. Alle großen Dynastien sind darauf vermerkt. Ein vergleichsweise kurzes Stück davon nimmt die kommunistische Herrschaft im 20. Jahrhundert ein. Ein kleines Menschenleben in dieser Epoche wirkt dabei noch bedeutungsloser, es wird zur Ameise. Eine kommunistische Diktatur kann eine Ameise mit Leichtigkeit zerquetschen. Wenn diese aber sich des Prinzips des Himmels bewusst ist, kann selbst sie sich über ihre Lage geistig erheben.

C & W: Wird diese Tradition heute in China noch beherzigt?
Liao: Nach den Jahren der kommunistischen Herrschaft sind die Chinesen zu einem Volk geworden, das das Prinzip des Himmels nicht mehr achtet, genauso wenig die Geschichte. Stattdessen kommt nun die Religion in Gestalt des Christentums und des Buddhismus in Mode. Vor allem das Christentum hat in den Städten in den letzten Jahren viel Zulauf bekommen.

C & W: Eine neue Form gesellschaftlicher Außenseiter? Haben Sie sich schon ihrer angenommen?
Liao: Ich habe über Christen in China einen Interviewband verfasst mit dem Titel „Gott ist rot“. In den USA ist das Buch bereits erschienen. Weil die Hälfte meiner früheren Freunde sich nun als Christen im Untergrund treffen, habe ich als Außenstehender die Szene durchwandert. Ich bin bis nach Yunnan gelangt, eine der abgelegensten Provinzen im Westen Chinas. Die Menschen sind dort größtenteils Christen! Ganze Dörfer! Sie lassen sich nicht mit den modischen Christen in den Metropolen vergleichen, die in evangelikalen Glaubenszelten Schutz vor der metaphysischen Leere suchen. In Yunnan lässt sich die christliche Tradition zwei Jahrhunderte zurückverfolgen. Da kam ein spanischer oder italienischer Missionar auf seinem Maultier über einen Bergpfad durch den Urwald geritten an Orte, die man selbst heute nur schwer erreichen kann. Der Gottesmann sprach kein Chinesisch, geschweige denn den ortsüblichen Dialekt. Aber er linderte mit seiner Medizin die Malaria. Doch das Verkündigen trug nur langsam Früchte: Ein Missionar brauchte durchschnittlich drei Jahre, um drei Heiden zu bekehren, wovon zwei dann wieder vom Glauben abfielen. Wenn er starb, wurde er am Ort bestattet und die Kirche sandte neue nach.

C & W: Der Maoismus hat die chinesischen Christen dann aber massiv verfolgt…
Liao:
Wo er ihrer habhaft wurde, ja. Aber nicht in der Grenzregion. Nach der kommunistischen Machtergreifung wurden alle ausländischen Missionare als imperialistische Spione des Landes verwiesen, Kirchen wurden enteignet. Ein Religionsamt sorgte für die Umerziehung. Es gab in der Kulturrevolution einen Schauprozess gegen einen berühmten christlichen Pfarrer, der sich weigerte, Jesus abzuschwören. Seine Hinrichtung wurde als propagandistisches Spektakel inszeniert.

C & W: Glauben Sie, dass Ihr Buch in China erscheinen kann?
Liao: Das Buch wird wohl nur als Raubdruck erscheinen und unter den Gemeinden weitergereicht werden. Die Christen dort sollen wissen, dass viele ihr Leben für den Glauben ließen und manche bis heute immer noch lassen müssen.

C & W: Können Sie nachvollziehen, dass Märtyrer Seelentröster sein können?
Liao: Ich bewerte das nicht, ich zeichne nur die Geschichte auf. Mich tröstet eher ein geflügeltes Wort aus China: Die gesamte Länge aller Leben von hundert Kaisern zusammengezählt erreicht nicht die Länge eines Dichterlebens. So wäre mein Schreiben nicht umsonst gewesen.

Erschienen in:
Ausgabe 06/2012
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Buddhismus, Spiritualität, Kirchen, Außenpolitik, Ethik