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F. C. Delius

„Ich kann die Welt auf keine Formel bringen“

Aus: Ausgabe 44/2011

Einst reiste der Autor in seine Geburtsstadt Rom, um für ein Buch über seine Eltern zu recherchieren. Der Liebe wegen ist er in der Ewigen Stadt geblieben. Doch Italiensehnsucht ist dem Pfarrerssohn fremd. Nüchtern betrachtet er die politische Gegenwart. Jetzt erhält den Büchnerpreis. Nicht zuletzt deshalb

FOTO: ISOLDE OHLBAUM

Christ & Welt: Sie entstammen einem evangelischen Pfarrhaus. Das galt lange als Wiege des deutschen Geistes. Stand dort Hölderlin oder Büchner im Regal?
Friedrich Christian Delius:
Nein. Eher die bürgerliche Literatur des 19.?Jahrhunderts: Wilhelm Raabe oder Gottfried Keller. Das Abseitige, was in Richtung Wahnsinn ging, war da nicht vertreten. Jedenfalls habe ich es nicht entdeckt. Aber mein Interesse an der Literatur rührt schon daher. Besonders exponierte Vertreter des klassischen protestantischen Bildungsbürgertums waren wir eher nicht.

C & W: Sie wurden 1943 in Rom geboren. Und leben jetzt wieder hier. Schloss sich da ein Kreis in Ihrem Leben?
Delius:
Vor 2001 habe ich ein Stipendium in der Casa di Goethe angetreten, weil ich über meine Eltern schreiben wollte, die während des Zweiten Weltkrieges in Rom lebten. Mein Vater starb bereits 1960 mit 48 Jahren, als ich 17 war. Und als ich anfing, mich für dieses Thema tiefer zu interessieren, hatte meine Mutter bereits einen Schlaganfall erlitten und konnte mir keine Auskunft mehr geben. Ich recherchierte für das Buch „Bildnis der Mutter als junge Frau“.

C & W: Welche Wege führten Ihren Vater damals nach Rom?
Delius:
Anfang des Krieges hat er sich nach seinem Theologiestudium und seiner Zeit im Vikariat auf eine Hilfspfarrerstelle in Rom beworben. Kaum war er hier, wurde er als Soldat zum Frankreichfeldzug eingezogen. An der Front hat er sich eine Kriegsverletzung zugezogen, wurde freigestellt und ging wieder an die Arbeit in der protestantischen Gemeinde, die heute bei der Via Veneto ihren Sitz hat. Früher residierte sie auf dem Capitol, wie die preußische Gesandtschaft auch. In dem Diakonissenheim lebte meine Mutter. Im dazugehörigen Krankenhaus wurde ich 1943 geboren.

C & W: Wie sah die Arbeit des Vaters denn im Alltag aus?
Delius:
Er hat dem Hauptpfarrer zugearbeitet und machte Urlaubsvertretungen in Mailand, in Neapel oder Triest. Er ist damals in Italien ganz schön herumgekommen. Wenn wieder irgendwelche Schlachten verloren waren, musste er erneut die Uniform anziehen. Wegen einer Beinverletzung nach Kriegseinsätzen in der Sowjetunion und in Afrika verbrachte er bis 1945 die meiste Zeit in irgendwelchen Lazaretten. Ich lebte in Rom praktisch nur drei Monate als Säugling. 1943 ist meine Mutter mit mir nach Mecklenburg gegangen und von dort aus sind wir dann nach dem Krieg nach Hessen gezogen, wo mein Vater seine erste Pfarrstelle bekleidete.

C & W: Der Protestantismus hat sich ja, was die Nähe zum Hitler-Regime betrifft, nicht mit Ruhm bekleckert?…
Delius:
Mein Großvater war Deutschnationaler und hatte dennoch eine Affinität zur Bekennenden Kirche. Mein Vater auch. Auf dieser Ebene haben sie sich wohl verstanden, obwohl mein Großvater viel pietistischer war. Mit den Deutschen Christen wollten sie jedenfalls nichts zu tun haben. Die Schwester meiner Mutter erzählte, dass Großvater 1933 in Rostock eine Wahlveranstaltung von Hitler besuchte. Er sei nach Hause gekommen und habe verfügt: „In diesem Hause wird Adolf Hitler nicht gewählt!“ Denn in seinen Augen stellte dieser sich über Gott. Das war unverzeihlich. Und das, obwohl mein Großvater in vielen Punkten sicher nichts gegen Hitlers Politik einzuwenden gehabt hätte. Meine Mutter litt unter der Ambivalenz zwischen Hakenkreuz und christlichem Kreuz. Mit dieser Frage war sie damals eigentlich völlig überfordert. Sie wusste allerdings auch nicht all das, was wir heute über das NS-Regime wissen.

C & W: Gab es in Ihrer Familie die damals auch üblichen Ressentiments gegen den Katholizismus, gerade in Rom?
Delius:
Was meine Eltern hier in Rom anbetrifft, eher nicht. Ich weiß, dass bei meiner Taufe der spätere Widerstandskämpfer Eugen Gerstenmaier anwesend war. Das war ja so eine Art Außenminister der evangelischen Kirche. Er hat hier über den römischen Pfarrer versucht, Kontakte zu knüpfen. In Hessen bin ich dann damit aufgewachsen, dass die Katholiken bei uns in der evangelischen Kirche auf dem Dorf bereits frühmorgens am Sonntag ihren Gottesdienst abhielten. Sie hatten im Krieg kein eigenes Gotteshaus und es gab durch die Kriegsflüchtlinge plötzlich Bedarf dafür. Aber dass wir das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes und den Marienkult für Ketzerei hielten, war natürlich klar.

C & W: Als Sie nach Berlin zum Literaturstudium kamen, hat sich diese protestantische Welt dann verloren?
Delius:
Die hat mich schon noch weiter interessiert. Ich habe mir die berühmten Vorlesungen von Helmut Gollwitzer angehört.

C & W: Warum leben Sie jetzt immer noch in Rom?
Delius:
Aus einem einzigen Grund: Als ich 2001 mein Stipendium in der Casa di Goethe antrat, habe ich mich gleich in die Direktorin verliebt und sie sich in mich. Und da meine Frau heute immer noch als Leiterin dieser deutschen Kulturinstitution fungiert, bin ich so oft es geht hier. Wir haben aber auch eine Wohnung in Berlin.

C & W: Ist für Sie die Ewige Stadt auch ein literarischer Ort, wie er spätestens seit Goethes „Italienischer Reise“ die deutschen Autoren zu dichterischen Arbeiten inspirierte?
Delius:
Goethe ist hier wirklich präsent als Erfinder der „Grand Tour“ und gilt als Vorreiter des Italientourismus. Mein Rom-Bild ist eher nüchtern und von aktueller Anmutung.

C & W: Nehmen Sie Anteil am politischen Geschehen in Italien?
Delius:
Seit 2001 verfolge ich das mit großer Aufmerksamkeit und mit noch größerem Erschrecken, dass hier systematisch kaputt gemacht wird, was wir in Deutschland unter Demokratie verstehen. Es gibt bei uns die berühmten drei Gewalten. In Italien gibt es bald nur noch eine Gewalt. Die Hälfte der Abgeordneten, die hier im Café sitzen statt in ihren Ministerien, sind entweder Angestellte und Anwälte Silvio Berlusconis oder gekaufte Abgeordnete aus den anderen Parteien. Die Dauerbeschallung durch die Medien aus den gleichförmigen Sendern liefert die Verblödung frei Haus. In einer Weise, wie es in Europa höchstens noch in Ungarn der Fall ist, werden hier die letzten unabhängigen Richter und Staatsanwälte beschimpft und niedergemacht.

C & W: Was macht denn Silvio Berlusconi in Ihren Augen so mächtig?
Delius:
Er wird unterstützt von der Mafia und von der katholischen Kirche. Viele seiner engsten Mitarbeiter sind mit ihren Mafiaverbindungen schon gerichtsbekannt. Im Moment kommt Bewegung ins Spiel. Die Mafia wird ihn nicht fallen lassen, ob die Kirche ihn fallen lässt, wird sich zeigen. Die linke Opposition schafft es nicht, mit neuen Leitfiguren aufzutreten, und zerfasert sich in parteiinternen Auseinandersetzungen.

C & W: Sind Sie ein politischer Autor?
Delius:
Ich habe mich immer gegen diesen Begriff gewehrt, weil er viel zu eng gefasst ist. Für mich heißt politisch: antiideologisch. Mich interessiert in meinen Romanen die Reibung zwischen Individuum und Gesellschaft. Was stellen die Verhältnisse mit einem Menschen an? Wenn die Sphären aneinandergeraten, können sie mitunter Funken schlagen.

C & W: Wer ist Ihr literarisches Vorbild?
Delius:
Ich habe mir angewöhnt zu sagen: Wolfgang Koeppen. Als ich 1981 meinen ersten Roman „Ein Held der inneren Sicherheit“ zu schreiben begann, habe ich sehr genau seine drei berühmten Romane über die frühe Bundesrepublik gelesen. Von allen deutschsprachigen Autoren, ist er mir der Nächste. Nicht Böll, nicht Grass, nicht Johnson, nicht Weiss, nicht Heißenbüttel. Bei Koeppen bebt jeder Satz.

C & W: Was ist Ihr nächstes Projekt?
Delius:
Ich will meine wichtigsten vier literarischen Lebenskapitel beschreiben, zunächst meine Anfänge in der Gruppe 47 in den frühen Sechzigerjahren bis zu den sprachideologischen Verhärtungen der 68er-Zeit. Die drei anderen Kapitel umfassen meine Verlagstätigkeit als Lektor bei Wagenbach und im Rotbuch-Kollektiv. Dann der Justizstreit mit Siemens und Horten und schließlich meine subversiven Ost-West-Verbindungen zu Autoren über die Mauer hinweg. Zum Beispiel zu Thomas Brasch und Heiner Müller. Ich konnte zu ihrer Entdeckung wesentlich etwas beitragen.

C & W: Sind Sie offen für metaphysische Themen, die nicht von dieser Welt sind?
Delius:
Ich bin für alles offen. Als Mensch sowieso. Als Autor aber immer im Zusammenhang mit der Geschichte, die ich erzähle. Wenn metaphysische oder existenzphilosophische Fragen bei mir aufgegriffen werden, dann nicht abstrakt. Ich frage nicht: Was ist Terrorismus oder was ist Vergänglichkeit? – Aber ich will ja nicht ausschließen, dass mir noch was einfällt. Deswegen schreibe ich ja Romane, weil ich die Welt nicht auf eine einzige Formel bringen kann.

C & W: Sie erhalten den Büchnerpreis 2011. Was bedeutet Ihnen der Namensgeber des Preises?
Delius:
Während sich bei Goethe, Thomas Mann, Brecht oder Schiller die Geister scheiden, können sich bei Büchner alle einigen: Er war ein Genie. Sogar Autoren, die man nicht entfernt in die geistige und stilistische Nähe dieses Dichters rücken würde, halten ihn für den Größten. Nicht nur deshalb freue ich mich, dass mir der Preis zugesprochen wurde.

Das Gespräch führte Andreas Öhler.

Erschienen in:
Ausgabe 44/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kultur