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Haltung, bitte!

Höllisch himmlisch

Aus: Ausgabe 31/2012

„Ist der Himmel katholisch?“, hat mich meine Tochter gefragt. Was hätten Sie geantwortet? René B., Bonn

Zunächst hätte mich die Neugier gepackt. Was für eine tückische Frage. Sie hätte einen Pulk Religionsphilosophen zum Schwitzen gebracht. Was verbindet Ihre Tochter mit einem katholischen Himmel? Firmunterricht für alle? Oder den Kölner Dom als Kulisse für eine Riesenschaukel? Einen Ausdruck für die Abgrenzung von Andersgläubigen, mit dem sie sich einen Reim auf die Gespräche der Erwachsenen macht? Die Antwort wäre dann eher der Auftakt für ein kleines himmlisches Religionsgespräch. Wenn das Kind noch kleiner wäre, würde ich es mit einem Kindergarten-/Katholikentagsschlager versuchen: „Der Himmel geht über allen auf…“ Das Bild ist zwar so schief wie der Sacropopsound von Vierjährigen, denn der Himmel geht ja nicht auf, er ist immer schon über allen da.

Über allen – das meint „katholisch“ im griechischen Ursinn. Katholisch ist „das Ganze“, also nicht das Römisch-Katholische in Abgrenzung zu anderen Konfessionen, zu den Protestanten und den Orthodoxen, sondern die Dimension, die immer schon weit über die eigene Perspektive hinausgeht. Denn wer eine Perspektive einnimmt, hat bekanntlich immer einen eingeschränkten Horizont. Das können Kinder sich mit einem kleinen Trick klarmachen. Sie bauen sich einen Rahmen aus Papier und betrachten die Welt durch diese Begrenzung. Einen Meter weiter links sieht der Ausschnitt des Himmels schon etwas anders aus. Erwachsenen schadet diese Übung auch nicht. Denn dummerweise kommt es ja oft genug vor, dass die eigene Sicht der Dinge für das Ganze gehalten wird. Sub specie aeternitatis, also aus göttlichem Blickwinkel, eine ziemliche Anmaßung. Der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher hat mit diesem Experiment erklärt, wieso der Sinn und Geschmack fürs Unendliche, der in der Religion zum Ausdruck kommt, immer nur einen begrenzten Blick aufs Ganze ermöglicht. Das große Ganze, wofür der Himmel steht, sollte deshalb nicht aufgegeben werden. Wir sollen mitdenken und mitglauben, so wie der Himmel immer über unseren menschlichen Bildrand hinausgeht. Deshalb ist der Himmel nicht nur ein Ort für die Sehnsucht des Menschen nach der Welt Gottes, sondern zugleich eine Erinnerung daran, dass diese Welt unfasslich bleibt. In diesem Sinne ist der Himmel gut katholisch!

Erschienen in:
Ausgabe 31/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch