Notizen für die Ewigkeit
Hirn vom Himmel
Aus: Ausgabe 51/2011
Die Kirche will nicht die Wissenschaft als Schwester verlieren. Deshalb hat der Papst jetzt einen Neurophysiologen an den Kulturrat berufen.
Der Heilige Stuhl befasst sich gemeinhin mit theologischen Finessen und allerlei Verwaltungskram wie Bischofsernennungen und Eheannullierungen. Aber mit Hirnforschung? Das war bisher kaum bekannt. Jetzt hat der Papst den deutschen Neurophysiologen Wolf Joachim Singer an den Kulturrat berufen. Der Vatikan konterkariert nun mal gern das Halbwissen, das sich der mittlere Medienkonsument über ihn angelegt hat. Singer, Direktor des Max-Planck-Institutes für Hirnforschung in Frankfurt, gehört seit bald 20 Jahren der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften an. Zusätzlich steigt er nun am päpstlichen Kulturrat als „Konsultor“ ein. Er berät da allerdings kein Organisationskomitee für Ausstellungen sakraler Kunst. Vielmehr pflegt der Rat den Dialog der Kirche „mit den Kulturen“, und eine dieser Kulturen ist die moderne Naturwissenschaft. Erst kürzlich bat man im Vatikan zu einem Kongress über Stammzellforschung. Die Teilnehmerliste war bunt, Wissenschaftler, Theologen, Patienten, Politiker und Unternehmer redeten und hörten zu. Das Übergreifende hat Methode. Hie und da weichen die eingeschliffenen Sprech- und Argumentationsmuster auf, weil man sich auf die anderen einlassen muss. Dann wächst womöglich Verstehen. Waren Glaube und Forschung einst Zwillinge, so trennt sie heute ein bitterer Zwist. Hier die pure Spekulation, dort die Diktatur der Beweisbarkeit, so lauten die wechselseitigen Vorwürfe in der Familienfehde. Dass sowohl Glaube als auch Forschung unter der gegenseitigen Exkommunikation leiden, ist zumindest die Überzeugung der katholischen Kirche. Dem Vatikan liegt daran, die groß gewordene, spröde Schwester Wissenschaft nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu schickt er einen seiner besten Männer ins Rennen: Kardinal Gianfranco Ravasi. Der ist nicht nur Präsident, sondern auch Hirn des päpstlichen Kulturrates. Von ihm kam der Vorschlag, Singer zu engagieren, der Papst stimmte zu. Ein Neurophysiologe könnte über Ravasi vielleicht sagen, er habe eine rege Synapsenlandschaft. Der Kardinal sieht und schafft Schnittstellen, wo es bisher keine gab. Er schlug, fast frech, Galileo Galilei als Patron des Dialogs zwischen Glaube und Wissenschaft vor. Er lud 200 Blogger in den Vatikan ein, um sie nach ihren Informationsbedürfnissen zu fragen. Von Nasa-Leuten wollte er wissen, ob die These von einem einzigen Universum noch haltbar sei. Der Kulturbegriff, den Ravasi seinem Rat verpasste, ist der weiteste überhaupt denkbare: Kultur ist alles, was das Menschsein ausmacht.
Die Frage des Glaubens ist zentral und doch im Hintergrund. Ravasi selbst tritt der areligiösen Welt mit einer Unerschrockenheit gegenüber, die im Vatikan einige überrascht. Selbst katholisch bis ins Mark, habe er viel von atheistischen Freunden gelernt, bekennt der Kardinal. Wolf Singer – dessen Credo sein Geheimnis bleibt – ist Beirat in der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung. Als Hirnforscher kam er zu dem Schluss, der Mensch habe keinen freien Willen. Weil das die Theologie seit Paulus an den Wurzeln trifft, wird Singers Position am Vatikan mit offenen Ohren gehört.
Als Angela Merkel für ihren 50. Geburtstag Wolf Singer als Festredner engagierte, wurde sie von katholischen Kreisen heftig kritisiert. Der Papst ist da schon weiter.





