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Sehnsuchtsort Deutschland

Hilfe, wir sind beliebt

Aus: Ausgabe 08/2012

Preiswert, demokratisch, entspannt: Fast siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Nation in der Mitte Europas angesagt wie nie zuvor. Der Export boomt, immer mehr Touristen kommen – nicht nur zur Berlinale

Denk ich an Deutschland in der Nacht,/ Dann bin ich um den Schlaf gebracht“, dichtete Heinrich Heine: „Ich kann nicht mehr die Augen schließen,/ Und meine heißen Tränen fließen.“ Trauer spricht aus diesen im Exil verfassten Zeilen, Trauer und Sehnsucht nach der schwierigen Heimat. Nicht nur für Heine gilt: Es ist selten leicht, Deutscher zu sein, das Land in der Mitte Europas ist anders als seine Nachbarn: verspätet, zerrissen, zu groß, zu gefährlich. Und wenn es den Deutschen einmal leichtfällt, deutsch zu sein, geht das selten gut aus. Europas Lehre aus der Geschichte: Hüte dich vor Deutschland, solange es stark ist!

Und es ist wieder stark: Deutschland bestimmt, an der Seite Frankreichs, über Europas Politik und Finanzen. Das missfällt vielen: Athens Demonstranten sehen rot, und Europas Yellow Press reagiert mit den klassischen Reflexen: mit dem Bild vom hässlichen Deutschen, mit Nazivergleichen, mit NS-Karikaturen der Kanzlerin. Die Mächtigen sind die Bösen sind die Deutschen. Und deren Macht steht auf starken Beinen: 2011 hat der deutsche Export die Billionen-Marke überschritten. Erstmals hat Deutschland Waren und Dienstleistungen im Wert von mehr als tausend Milliarden Euro ausgeführt. „Wir sind wieder wer“, können wir sagen.

Und: Wir sind beliebt. Deutschland ist, nach Spanien, das begehrteste Reiseland Europas. Immer mehr Nachbarn steigen in Autos, Züge und Flugzeuge, um Urlaub in Merkel-Land zu machen. 394,1 Millionen Übernachtungen meldet das Statistische Bundesamt für 2011, vier Prozent mehr als 2010. Bei Reisenden aus dem Ausland verzeichnen deutsche Hotels und Campingplätze sogar einen Zuwachs von sechs Prozent. Immer mehr Niederländer, Schweizer, Chinesen, Brasilianer und Inder kommen. Sie bringen viel Geld ins Land: Mehr als 36 Milliarden Euro haben sie hier ausgegeben. Die Marke Deutschland boomt. Gute Aussichten für die ITB, die demnächst ihre Tore öffnet: Für 2012 rechnet die Branche mit mehr als 400 Millionen Übernachtungen.

Es lohnt sich, über diese Zahlen nachzudenken. Denn sie passen kaum zu dem Selbstbild, das die Deutschen von sich haben, auch wenn sie längst nicht mehr allein an den Holocaust denken, wenn von nationaler Identität die Rede ist. Die Wiedervereinigung hat gezeigt, dass Geschichte auf deutschem Boden auch im großen Maßstab friedlich verlaufen kann. Und Europa hat Deutschlands Macht gezähmt, auch durch die gemeinsame Währung. Seit 2006, seit dem Sommermärchen, staunt die Welt, wie fröhlich, entspannt, fair und gastfrei Teutonen sein können. Über Schwarz-Rot-Gold als Fun-Farben wunderten sich viele Deutsche – bis sie begriffen, dass ihr Land nicht mehr nur der gefährliche Riese war, sondern ein meist harmloser, zahlungswilliger und recht bescheidener Player im Herzen Europas.

Ganz so leicht ist es nun nicht mehr: Mit Deutschlands Macht wächst sein Ansehen. Verglichen mit den meisten Ländern der Erde ist Deutschland ein Land im Glück, ein Sehnsuchtsort. Daran ändert auch der Nazi-Terror nichts – wenn er denn dazu führt, dass die politischen und polizeilichen Alarmsysteme verbessert werden. Denn der nach und nach gewachsene internationale Geist des Landes geht tief. Eine Exportnation ohne Offenheit verspielt ihren Wohlstand.

Sehnsüchtig macht wohl auch die politische Kultur des Landes: Wochenlang kennt die Nation nichts Wichtigeres als die Moral ihres Präsidenten. Was hier als Skandal gilt, wird woanders als Portokassenschwindelei belächelt. Glücklich das Land, das solche Probleme hat! Wie attraktiv dieses Glück macht, lässt sich von den Gästen lernen. Doch mit solchem Glück zu leben ist gar nicht so einfach. Denn die veröffentlichte Meinung lebt davon, das Land schlechtzureden, von links wie von rechts.

Linke betonen gerne die Gefahr, die von Deutschland ausgehe. Es ist zwar – zum Glück – nicht mehr das Land der Dichter und Denker. Aber noch weniger ist es das der Richter und Henker. Wenn Deutsche ins Ausland fahren, tragen sie statt Stahlhelm Funktionsjacken aus Goretex; der Deutsche als tumber Eisbeinfresser ist ausgestorben. Und die deutschen Sekundärtugenden? Pünktlichkeit, Diensteifer, Gehorsam sind passé. Berlin-Touristen jedenfalls staunen, wie nonchalant Jungbürger auf unbeleuchteten Fahrrädern durch den Verkehr rasen, ohne sich von Ampeln beirren zu lassen.


Überhaupt lässt sich der deutsche Zeitgeist gut in Berlin studieren – besonders während der Filmfestspiele. Obwohl die Berlinale Tausende von Kinofreunden in die Stadt lockt, wird an ihr penibel herumgekrittelt: Sie sei zu politisch und nicht glamourös genug, vor allem biete sie im Ganzen zu wenige Stars auf. Als wären Angelina Jolie, Meryl Streep, Antonio Banderas oder Shah Rukh Khan irgendwelche Vorstadtchargen. Die Zuschauer lässt das kalt, geduldig warten sie auf ihre Karten. 400 Filme werden gezeigt, und die Kinos sind voll. Wer mehr Glanz will, mag Cannes oder Venedig vorziehen. Doch wer Filme liebt, kommt nach Berlin. Dort geht es sowieso entspannter zu als im hektischen Museum Paris oder im überteuerten London.

Das Entspannte, das Laisser-faire, will den Konservativen unter den Deutschlandkritikern nicht munden. Das Land könne wirtschaftlich und moralisch nicht mithalten, unken sie, Anstand und nationales Bewusstsein seien dahin, das Land sei zu locker und pflichtvergessen geworden – eben zu undeutsch. Was sie als deutsch betrachten, trägt mehr Vergangenheit als Zukunft in sich. Dabei wird gerade die Offenheit auch von den Deutschen geschätzt; immer mehr von ihnen verbringen hier ihren Urlaub. Von „Deutschland schafft sich ab“ kann keine Rede sein.

Die Deutschen haben es geschafft, mächtig und beliebt zugleich zu sein. Ob sie es bleiben, hängt nicht nur vom Euro ab und auch nicht allein von der Kanzlerin. Wichtiger ist, ob es den Deutschen gelingt, politisch wachsam zu sein und sich zugleich weiter zu öffnen: für ihre Gäste, für Arbeitsuchende, für politisch Verfolgte, für die, die kommen, um zu bleiben. Sie alle haben das Land verändert, sie sollen es weiter ändern. Von den Gästen lernen wir, wie gut es sich leben lässt an einem Ort der Sehnsucht.

Erschienen in:
Ausgabe 08/2012
Redakteur:
Hans-Joachim Neubauer (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Kultur