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Haltung, bitte!

Hilfe, sie blüht auf!

Aus: Ausgabe 29/2012

„Wir sind seit über 50 Jahren verheiratet und haben vier erwachsene Kinder. Vor einiger Zeit hat meine Frau sich verliebt – in einen gleichaltrigen Mann aus unserem Wanderverein. Sie verbringt ihre ganze Freizeit mit ihm. Mir sagt sie, dieses „platonische Verhältnis“ ließe sie sich nicht kaputt machen, ich hätte es zu akzeptieren. Sie blüht regelrecht auf. Ich will meine Frau nicht verlieren. Was soll ich tun?“ Wolfgang S., Düsseldorf

Hört es denn nie auf, dieses ganz normale Chaos der Liebe? Nein, offenbar sind 50 Jahre Ehe nicht genug, um den Herzschmerz zu vermeiden. Glaubt man den Statistiken, wählen immer mehr Frauen über 60 Jahre den Ausweg in ein neues Liebesabenteuer, sei es nun platonisch oder nicht. Lange schien es das zweifelhafte Vorrecht von Männern zu sein, ihre Frauen und Familien zu verlassen. Die Frauen blieben mit wundem Herzen zurück. Nun ziehen sie nach.

Manche gehen. Andere führen ihr neues Lebensabenteuer vor den Augen der düpierten Ehemänner auf. Das muss quälend sein. Aber haben Sie Ihre Frau je gefragt, warum Sie an der Seite des anderen Mannes so aufblüht? Eine 82-Jährige, die ihren Ehemann Hals über Kopf verlassen hatte, wurde irritiert von ihren Kindern gefragt, warum sie das getan hätte, sie hätte doch ein gutes Leben? Darauf sagte sie: „Ja, aber von mir war nichts mehr übrig. Er hat mich nicht mehr gesehen. Ich passte unter den Teppich, so klein war ich. Am Abend meines Lebens will ich wieder jemand für jemanden sein.“

Das klingt egoistisch, die Sehnsucht danach, angesehen, wahrgenommen zu werden, nicht als die, die immer schon da ist, sondern als die, die begehrenswert ist, die Zärtlichkeit braucht und intensive Gespräche am Abend statt des ewig gleichen Fernsehprogramms, diese Sehnsucht verschwindet nicht mit dem Alter. Das ist keine Entschuldigung für den Schmerz, den Ihre Frau Ihnen dadurch zufügt, dass sie Ihnen ihr glückliches Parallelleben vor Augen führt. Vielleicht weckt das Fragen in Ihnen, die einen neuen Zugang zu Ihrer Frau eröffnen. Offenbar will sie Sie ja nicht verlassen. Sie will, dass Sie sie als lebensdurstige Frau sehen, nicht nur als Mutter und Gattin. Sie will jemand für jemanden sein.





Erschienen in:
Ausgabe 29/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Sexualität, Lebensstil