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Haltung, bitte!

Hierarchie der Opfer

Aus: Ausgabe 28/2014

„Wir haben in unserer Gemeinde eine seltsame Auseinandersetzung: Seit einiger Zeit unterstützen wir ein Projekt, das die Leiden verfolgter Christen, vorwiegend im Nahen Osten, öffentlich macht und dafür kämpft, dass mehr christlichen Flüchtlingen Asyl in Deutschland gewährt wird. Unser Pfarrer erinnert in den Fürbitten immer wieder daran. Nun findet eine Initiative, wir würden andere Opfer, vor allem Muslime, damit diskriminieren und nur unsere ,Lieblingsopfer‘ pflegen. Was meinen Sie?“ Sofie O., Hamburg

„Lieblingsopfer“? Was für eine zynische Redewendung! Ist es nicht selbstverständlich, dass die Menschen, die sich auf Synoden und weltweiten Kirchentreffen als Bruder und Schwester anreden, einander mehr verbunden sind als andere? Oder ist das nur Metapherngeklingel, der Cantus firmus im Kirchensound, der schon auf der Treppe vor dem Gotteshaus keine Bedeutung mehr hat? „Das eine Volk Gottes, die Verbindung der vielen Glieder an einem Leib“? Jede Verletzung an Hand, Ellenbogen oder Nacken schmerzt am ganzen Körper. Schwer getroffen und fassungslos müssten wir sein, weil Kirchen samt Gottesdienstgemeinden angezündet und Priester auf offener Straße erschossen werden, weil Studenten, die mit einer Bibel erwischt werden, in den Knast gehen und eine junge Mutter, die sich weigert, ihren christlichen Glauben zu verraten, mit der Todesstrafe bedroht wird. Christliche Minderheiten, die oft Jahrhunderte friedlich in der Nachbarschaft von Muslimen lebten, Kirchen, die es schon gab, als in Deutschland die Germanen zum Beten noch in den Wald gingen, drohen zu verschwinden, oft ohne dass wir davon viel bemerken, weil wir mit unseren eigenen Problemen beschäftigt sind – Sprengel werden zusammengelegt, Synoden beraten Fusionen, da bleibt wenig Energie für das Engagement für die Verfolgten.

Sie werden Opfer einer brutalen, bisweilen irrsinnigen Interpretation des Islam, die zu Völkerwanderungen führt, weil Staaten zusammenbrechen und Warlords oder selbst ernannte Religionshüter die Macht übernehmen. Das muss Christen doch in Bewegung versetzen. Wer es sich jetzt auf den Kirchenbänken bequem macht, macht sich ja im Grunde an engsten Verwandten schuldig. Übrigens: Wer sehen will, wie Menschen sich vorbildlich für die eigenen Glaubensgeschwister in den Flüchtlingslagern einsetzen, der gehe mal in die benachbarte Moscheegemeinde.

Erschienen in:
Ausgabe 28/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
keine