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Haltung, bitte!

Hier nicht rauchen

Aus: Ausgabe 32/2013

„Bei unserer Gartenparty mit vielen Gästen, darunter jede Menge Kinder, zündete sich ein Nachbar, eher Mitte fünfzig als Mitte zwanzig, einen Joint an. Mein Mann ist stinksauer auf ihn und will ihn nie wieder einladen. Ich mag den Nachbarn sehr gerne und will nicht spießig sein, schon gar nicht als Zugereiste aus Deutschland. Außerdem frage ich mich: Ist es nicht eine Frage der Toleranz, Dinge bei anderen zuzulassen, die man selbst unmöglich findet?“ Ulli S., Kopenhagen

Toleranzfragen entstehen in der Tat schon an der Grenze des Gartenzauns und in der eigenen Ehe. Sie finden, Ihr Mann hat überreagiert. Er findet, Sie seien zu nachlässig in der Verteidigung der eigenen Grundsätze.

Schon ist Toleranz gefragt. Aber eines schon mal vorweg: Sie wollen nicht den Eindruck erwecken, spießig zu sein, schon gar keine spießige Deutsche im Ausland? Das setzt ja voraus, dass alle Dänen sich auf Partys mit Marihuana berauschen. Das ist, nach allem, was ich über die nordischen Nachbarn weiß, nicht der Fall. Ein Toleranzproblem zwischen Deutschen und Dänen sollten Sie deshalb aus dem Nachbarschaftskonflikt nicht machen. Im Übrigen: Was ist spießiger als ein Mittfünfziger, der es nötig hat, im Beisein von Kindern zu zeigen, wie cool, relaxed und unspießig er ist?

Spießig meint ja kleingeistig, und kleingeistig sind alle, deren Horizont nicht über den eigenen Bauch hinausreicht. Toleranzfragen brechen in der Tat oft schon da auf, wo Lebensgewohnheiten, Überzeugungen, ja auch moralische Stile sich voneinander unterscheiden. Sie sorgen sich offenbar vor allem um die gute Nachbarschaft.

Nichts spricht dagegen, den Mann weiter sympathisch zu finden und trotzdem eine klare Grenze zu ziehen. Keine Drogen. Ein klares Wort und ein klarer Standpunkt sind hilfreicher als die merkliche Abkühlung des Nachbarschaftsklimas. Warum macht Ihr Mann nicht bei der nächsten Gelegenheit deutlich, was er vom Jointrauchen in der Öffentlichkeit hält? Mag sein, dass der Nachbar zu einer großen philosophischen Verteidigungsrede ansetzt. Doch wenn er wirklich so ein netter Nachbar ist, wird er seinerseits Ihre Auffassung tolerieren.






Erschienen in:
Ausgabe 32/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Lebensstil