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Antisemitismus

Herrn Hitlers späte Liebe zum Islam

Aus: Ausgabe 25/2011

Warum ist der Hass auf alles Jüdische unter Muslimen so weit verbreitet? Ein junger Politologe wagt einen Vergleich zwischen radikalem Islam und Nationalsozialismus. Er findet eine ideologische Schnittmenge.

Deutscher Gruß: Eine Fatah-Garde salutiert vor der palästinensischen Al-Quds-Universität. © Nasser Shiyoukhi/AP/DDP

In den ersten Monaten des Jahres 1945, als die Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg offensichtlich wurde, diktierte Adolf Hitler seinem Stellvertreter Martin Bormann sein politisches Testament. Hitlers Gedanken waren eine umfassende Rechtfertigung nationalsozialistischer Politik, besonders der Vernichtung der europäischen Juden. In einem Punkt legte Hitler jedoch Selbstkritik an den Tag: Er bereute, aus Rücksicht auf die Kolonialinteressen Italiens und Frankreichs keine „weitschauende Freundschaftpolitik mit dem Islam“ durchgesetzt zu haben. Die Araber bezeichnete er als „unsere treuen Verbündeten“. Das Reich hätte sie in den Weltkrieg einbinden können: „Die islamische Welt bebte in Erwartung unserer Siege. Die Völker Ägyptens, des Irak und des ganzen Nahen Ostens waren bereit zum Aufstand.“

Seine Beobachtung traf zu. Schon früh imitierten politische Bewegungen im Nahen Osten das Auftreten, die Uniformierung und teilweise auch den Jargon von Faschismus und Nationalsozialismus. Sie suchten Kontakt zu deutschen Diplomaten. Die pronazistische Begeisterung war mehr als eine Strategie zur politischen Mobilisierung der arabischen Bevölkerungen gegen den französischen und britischen Kolonialismus.

Vielmehr erkannten arabische Führer – wie der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Hussaini, der irakische Politiker Raschid Ali al-Gailani, der großsyrische Ideologe Antun Saada oder die ägyptischen Offiziere und späteren Präsidenten Gamel Abdel Nasser und Anwar al-Sadat – im Nationalsozialismus eine Übereinstimmung mit ihren politischen Vorstellungen: die Formierung einer autoritär geführten, fanatischen, kampf- und opferbereiten Gemeinschaft als Bedingung für den Krieg gegen äußere und innere Feinde. Auch wenn das Deutsche Reich die Avancen arabischer Politiker zurückhaltend erwiderte, waren die wenigen und allgemein gehaltenen Verlautbarungen Hitlers über die „traditionelle Freundschaft“ zwischen Deutschland und den Arabern sowie über den Kampf gegen „gemeinsame Feinde“ doch nicht misszuverstehen.

So entschloss sich Raschid Ali al-Gailani 1941 zu einem Putsch im Irak sowie zu einem von Deutschland mehr schlecht als recht unterstützten Versuch, die Briten aus dem Irak zu vertreiben. Gailani wollte die lebenswichtigen Verbindungslinien des Empire zwischen Indien und dem Nahen Osten unterbrechen. Nach der Niederschlagung des Putsches durch britische Truppen flüchteten Gailani und Hussaini – um nur die prominentesten arabischen Beispiele zu nennen – nach Berlin. Ebenso wenig überrascht in dieser Atmosphäre leider auch ein Ereignis, welches sich am 1. Juni 2011 zum siebzigsten Mal jährt: der Farhud.

Angesichts des Vorrückens britischer Truppen verübten Gailanis Anhänger ein Pogrom an der alteingesessenen jüdischen Gemeinde der irakischen Hauptstadt. Die Juden Bagdads wurden Opfer eines Fanatismus, der sich nach dem Ersten Weltkrieg in allen arabischen Ländern verbreitet hatte und den Hass auf das zionistische Projekt in Palästina auf die orientalischen Judenheiten übertrug. Wie die 1928 von Hasan al-Banna gegründete ägyptische Muslimbruderschaft schürten politische Bewegungen des Nahen Ostens den Verdacht jüdischer Kollaboration mit dem Feind. In diesem Klima musste die Ablehnung des irakischen Putsches durch die Juden Bagdads wie eine Offenbarung des inneren Feindes erscheinen. Schätzungsweise 180 Menschen kostete der Farhud das Leben.

In Berlin versicherten sich Hitler und Hussaini derweil gegenseitig ihrer Treue. Die deutschen Truppen aus dem Kaukasus und Nordafrika sollten im Nahen Osten aufeinandertreffen und gemeinsam mit den von Hussaini anzuführenden Arabern die Endlösung der orientalischen Judenfrage exekutieren. Diesem Ziel arbeitete Hussaini bis 1945 entgegen, insbesondere durch die Unterstützung der arabischen Nazi-Propaganda. „Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet“, forderte er in einer Radioansprache vom 1. März 1944. „Das erfreut Gott, die Geschichte und die Religion.“ Im Antisemitismus fanden Nationalsozialismus und arabische Politik in den 1930er- und 1940er-Jahren zusammen, trotz Hitlers rassenideologischer Verachtung der Araber und trotz der arabischen Bedenken gegen den italienischen und deutschen Imperialismus. Dieses Zusammentreffen war kein Zufall, sondern durch weltanschauliche Gemeinsamkeiten begründet. Diese Überschneidungen sind noch heute nachweisbar, insbesondere anhand der radikal?islamischen Ideologie.

Der arabische Nationalismus wurde durch seine Niederlagen in den Kriegen gegen Israel zumindest zum Teil dazu gezwungen, die Realität eines jüdischen Staates im Nahen Osten hinzunehmen. Heute tritt der radikale Islam als prominentester Verfechter antisemitischer Propaganda und Gewalt auf. In Moscheen und auf politischen Versammlungen, im Fernsehen und im Internet predigen radikale Muslime den Krieg gegen die Juden als Bestandteil einer weltweiten Ausbreitung des Islam. Zwar gilt ihr Hass ebenso arabischen Herrschern und muslimischen Abweichlern, den USA und dem Westen. Doch kommt den Juden eine hervorgehobene Stellung im apokalyptischen Weltbild des radikalen Islam zu. Deswegen weist die radikalislamische Ideologie so viele Übereinstimmungen mit dem Nationalsozialismus auf: Die antisemitische Verschwörungstheorie ist der gemeinsame Kern beider Weltanschauungen. Mit ihr ist alles zu rechtfertigen.

Auf den ersten Blick scheinen die antikonfessionelle Rassenideologie des Nationalsozialismus und die totalitäre Religiosität des radikalen Islam unvereinbar. Doch nicht nur das Überlegenheitsgefühl und der Essenzialismus radikaler Muslime relativiert diese Unvereinbarkeit. So sprach etwa der kürzlich verstorbene Mentor der libanesischen Hisbollah, Ajatollah Muhammad Hussein Fadlallah, von der Notwendigkeit, die israelischen Juden zu vertreiben, selbst wenn sie zum Islam überträten. Darüber hinaus ergeben sich aus den unterschiedlichen ideologischen Begründungsmomenten von Nationalsozialismus und radikalem Islam – Rasse und Religion – ähnliche Notwendigkeiten: nämlich mit der abstrakt-universellen Vorstellung von der Menschheit als Einheit zu brechen und einem ewigen, unveränderlichen Gesetz zu folgen – einerseits verstanden als Naturgesetz, andererseits als göttliches Gesetz. Wie die Nationalsozialisten Deutschlands Niedergang als Folge widernatürlicher, rassischer Vermischung erklärten, so erklären radikale Muslime den Niedergang des Islam mit Abweichungen der Muslime vom göttlichen Gebot. Die Herrschaft des arischen Menschen einerseits und des wahren Islam entsprechen somit dem unhintergehbaren Gesetz: Wer im Einklang mit der Vorhersehung der Natur oder der Vorhersehung Gottes handelt, der kann gar nicht anders, als die Welt gemäß dieser Vorhersehung zu regieren.

Um den Verfall arisch-germanischer und reiner islamischer Herrschaft zu erklären, nahm der Antisemitismus in beiden Fällen eine unvergleichliche ideologische Dimension an. Zwar gingen Hitler oder radikalislamische Ideologen wie der Ägypter Sayyid Qutb sehr weit in den Anschuldigungen gegenüber ihren Volks- oder Glaubensgenossen, denn diese hätten sich immer mehr von den ewigen Gesetzen abgewandt. Qutb charakterisierte den Zustand islamischer Gesellschaften sogar als Djahilyya, als präislamische Barbarei und Götzenanbetung, was einer Exkommunikation aller Muslime gleichkam und seinen Anhängern immer wieder zur Rechtfertigung von Massakern an Zivilisten diente.

Doch wäre es sowohl im Sinne der nationalsozialistischen als auch der radikalislamischen Ideologie aufgrund des ihnen zugrunde liegenden Überlegenheitsgefühls nicht konsequent, den jeweiligen Niedergang auf eigene Fehler zurückzuführen. Vielmehr wird jeweils eine schon immer feindlich gesonnene Kraft imaginiert, die diesen Niedergang betreibt: die Juden. Für den Nationalsozialismus stellte die zweitausendjährige Entwicklung Europas eine einzige jüdische Verschwörung dar: Der Jude Paulus habe das Christentum verfälscht und Vorstellungen des Universalismus sowie der einigen und einzigen Menschheit in die Welt gesetzt. Diese Vorstellungen seien noch verschärft worden durch die – ebenfalls von Juden ersonnenen – bürgerlichen Revolutionen und die Emanzipation von ständischen Hierarchien.

Demokratie und Liberalismus, Kapitalismus und Kommunismus hätten gemeinsam die letzten gesellschaftlichen Barrieren niedergerissen und die jüdische Weltverschwörung vollendet. Radikale Muslime wie Sayyid Qutb und die palästinensische Hamas, aber auch beliebte arabische Fernsehserien wie die ägyptische Produktion „Reiter ohne Pferd“ integrierten solcherlei moderne europäische, antisemitische Verschwörungsmythen in ihre Weltanschauung, insbesondere die fiktionalen „Protokolle der Weisen von Zion“, die eine jüdische Weltverschwörung belegen sollen. Diese Übernahme vervollständigt ihr Bild von den Juden, welches jedoch von einer genuin islamisch begründeten Argumentation ausgeht.

Für Qutb etwa begann die jüdische Verschwörung schon während des Aufstiegs des Islam unter dem Propheten Mohammed: Juden hätten sich seit Beginn gegen den Islam gewandt und versucht, die Muslime vom Wort Gottes zu entfernen. Ihr Ziel sei schon in diesen ersten Tagen des Islam seine Zerstörung gewesen. Dieses Ziel sei ihnen charakterlich für die Ewigkeit eingeschrieben. Wie Hitler identifizierte Qutb jeden Gegner als jüdischen Agenten, und wie der Nationalsozialismus kennt das Weltbild des radikalen Islam nur ein Mittel im Kampf gegen diesen ewigen Feind: dessen Vernichtung.

Deswegen hat die Politik des Staates Israel für radikale Muslime keine Bedeutung für ihr Weltbild. Zwar sprechen sie oft von islamischen Gebieten, die sie zurückerobern wollen. Aber wie bei der Lebensraumideologie des Nationalsozialismus ist dieser territoriale Aspekt eher ein Mittel zum Zweck, die Herrschaft des ewigen Gesetzes durch die Vernichtung der ewigen Feinde durchzusetzen. Schon 1938 machte der führende ägyptische Muslimbruder Salih Aschmawi seinen Anhängern deutlich: „Die Palästinafrage ist keine Frage einer geografischen Gegend, sie ist die Frage des Islam, an den ihr glaubt.“ Israel ist, unabhängig von seiner Politik, für radikale Muslime der Inbegriff des islamischen Niedergangs.

Arabische und islamische Bewegungen scheiterten immer wieder mit ihren Versuchen, zu alter Größe zurückzufinden; die Juden hingegen, welche in islamischen Ländern als Dhimmi, als Schutzbefohlene, jahrhundertelang – ähnlich wie im christlichen Europa – eine stets prekäre und verachtete, teilweise verfolgte und bedrohte Existenz führten, etablierten einen souveränen Staat, behaupteten sich in Kriegen, eroberten Gebiete und schlossen sogar Friedensverträge mit arabischen Staaten.

Israel ist für radikale Muslime kein politisches, sondern ein kosmologisches Problem: Es bestreitet das Bild einer göttlich bestimmten Überlegenheit des Islam. Auch darin ähnelt der radikale Islam dem Nationalsozialismus: Ihm galten Realitäten wie der Versailler Vertrag nur als Ausdruck der jüdischen Weltverschwörung.

Deswegen sind radikale Muslime – die in all ihrer Zerstrittenheit und Fraktionierung doch eine gemeinsame Front gegen Israel bilden – beim Wort zu nehmen, wenn sie den Juden mit dem Tod und Israel mit Vernichtung drohen. Vor allem aber zeigen Beispiele, die es während der Liveübertragungen vom Kairoer Tahrir-Platz und anderen arabischen Revolutionsstätten in westliche Wohnzimmer schafften: Das Problem des Antisemitismus ist nicht auf den radikalen Islam beschränkt, sondern betrifft die gesamte Region. Wenn Gaddafi und Mubarak mit einem Davidstern karikiert und somit als jüdische Agenten gekennzeichnet werden, ist die Botschaft eindeutig: Die Juden sind der Inbegriff von Egoismus, Verkommenheit und Brutalität; sie sind Volksfeinde. Und allen Volksfeinden werden diese als jüdisch identifizierten Charakterzüge zugeschrieben.

Die medial und kulturell verbreitete, antisemitische Verschwörungstheorie sowie die Leugnung des Holocaust in der Region ist selbstverständlich geworden. Das ist nicht durch den radikalen Islam begründet, sondern steht im Einklang mit wesentlichen Aspekten seiner antisemitischen Propaganda. So wird der Kern des Problems, welches der Antisemitismus in den arabisch-islamischen Ländern darstellt, treffend mit den Worten des Philologen Victor Klemperer beschrieben, die er als jüdischer Zwangsarbeiter im nationalsozialistischen Dresden für seine arischen Arbeitskollegen fand: „Keines [sic] war ein Nazi, aber vergiftet waren sie alle.“


Vom Autor ist zuletzt erschienen:
Mathias Schütz: Ideologien der Vernichtung. Nationalsozialismus und radikaler Islam. Bouvier, Bonn 2011. 216 Seiten, 22 Euro.

Erschienen in:
Ausgabe 25/2011
Redakteur:
Mathias Schütz (Politologe)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Islam, Judentum