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Sein Motiv: Peter Neher

Herr, erhöre mich!

Aus: Ausgabe 49/2012

Caritas-Präsident Peter Neher trauert. Er verkündet seine eigene Ohnmacht. Er klagt.

Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa/picture alliance

Manchmal kommt jede Hilfe zu spät. Manchmal sind auch Helfer hilflos. Am Montag war so ein Tag. Caritas-Präsident Peter Neher trauert. Er verkündet seine eigene Ohnmacht. Er klagt. Nur wenige Kilometer von seinem Freiburger Büro entfernt, in der Caritas-Behindertenwerkstatt Titisee-Neustadt, kamen 14 Menschen ums Leben. Sie starben in einem Feuersturm, der ihr Haus in Schutt und Asche legte. Peter Neher konnte die Katastrophe nicht verhindern. Die dunklen Rauchschwaden lösten seine Macht als Chef eines Wohlfahrtskonzerns mit mehr als 500000 Mitarbeitern in Nichts auf, und er muss sich nun höchst irdischen Fragen nach dem Brandschutz stellen.

Elf Millionen Menschen wenden sich jedes Jahr an die Caritas. Die Hilfsorganisation der katholischen Kirche betreibt Krankenhäuser und Kindergärten, sie kämpft gegen Naturkatastrophen und soziale Ungerechtigkeit, egal, ob in Hamburg oder auf Haiti. Katastrophen gehören also zum Alltag von Peter Neher. Doch manchmal stößt auch der gläubigste Priester und erfahrenste Krisenmanager an seine Grenzen. Auch er kann nicht jeden Brand löschen und jedes Unglück verhindern.

Dem katholischen Seelsorger bleibt häufig nichts anderes übrig, als sich an die Frage zu klammern, die einst Jesus am Kreuz stellte: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Er müsste mit seinem Gott hart ins Gericht gehen, ihm sagen, dass ein Unglück wie in Titisee-Neustadt seine Arbeit für Benachteiligte torpediert. Trotz all dieser Katastrophen darf Peter Neher seinen Glauben nicht verlieren. Er muss um ihn kämpfen. Denn ohne Nächstenliebe wird das Leben auf dieser Erde zur Hölle.

Erschienen in:
Ausgabe 49/2012
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Motiv
Stichworte:
Innenpolitik, Tod