Steuern
Hereinspaziert!
Aus: Ausgabe 09/2012
Viele Wohlhabende fühlen sich in ihren Kirchen gemobbt, stets wird Managern und Unternehmern Gier vorgehalten. Brauchen wir eine Seelsorge für Reiche?

Der Ratschlag kam nicht von der Kanzel, sondern aus dem Kirchenschiff. „Wir sollten wieder lernen, den Kirchen zuzuhören, denn sie wissen mehr über die Lebensnöte der Menschen als andere“, erklärte Evonik-Chef Klaus Engel vor einem Jahr in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ des Bistums Essen. Es würde Managern guttun, sich öfter mal Rat bei den Kirchen zu holen, empfahl der Protestant aus dem Ruhrpott.
Rat holen? Zur Kirche pflegen viele Vorstände und Manager ein auffällig distanziertes Verhältnis. Engels Lobrede auf den Beitrag der beiden großen Kirchen zur Sozialen Marktwirtschaft stößt beim Gros seiner Kollegen auf verhaltenes Interesse. Viele fühlen sich in einer Kirche nicht willkommen, die kontinuierlich die Gier von Managern anprangert. Manche wenden sich ab und treten schließlich aus.
Evonik-Chef Klaus Engel gehört der Generation 60 plus an. Hier ist Gottesfurcht noch deutlich weiter verbreitet als in den jüngeren Altersgruppen. Doch unter den „Köpfen der Wirtschaft“ bekennen sich generell wenige zu ihrem Glauben. Zu den Konzernchefs und Führungskräften, die Mitglied in einer der beiden großen Kirchen sind, gehören unter anderem die Verleger Hubert Burda und Georg-Dieter von Holtzbrinck, die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler, BASF-Vorstandsvorsitzender Kurt Bock, Lothar Späth, Andreas Barner, Chef des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, ZDF-Intendant Markus Schächter, Claus Hipp, Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates von ThyssenKrupp, und der Industriemanager Ludwig Georg Braun.
Dabei hätten die beiden großen Kirchen wohlhabende Mitglieder jüngeren Alters nötiger denn je. Schließlich tragen die Besserverdiener in überproportionaler Weise zur Finanzierung des kirchlichen Lebens bei. Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes im Auftrag von Christ?&?Welt zahlte die kleine Kaste der Millionäre mehr Kirchensteuer als die Masse der Kleinverdiener (siehe Kasten).
„Es gibt Top-Verdiener, die locker mal eine halbe Million Kirchensteuer im Jahr aufbringen“, erläutert Stefan Dittrich vom Statistischen Bundesamt. Doch „locker“ ist das Verhältnis zwischen engagierten Gemeindegliedern und Topverdienern mitnichten. So mancher Verantwortungsträger kehrt der Amtskirche den Rücken und wendet sich einer kleineren Glaubensgemeinschaft zu. Herausragendes Beispiel ist die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) mit Sitz in Hannover. Zu ihren prominenten Mitgliedern gehören Verlegerin Friede Springer, Familienministerin Kristina Schröder und die CDU-Politikerin Erika Steinbach. „Machen wir uns nichts vor. Viele sind auch wegen des Geldes in die Freikirchen gegangen“, sagt Marlehn Thieme, Mitglied des Rates der EKD, der Synode und Direktorin der Deutschen Bank. Sie argumentierten: „Politische Diskussionen, wie sie in den Landeskirchen geführt werden, sind nicht mein Ding.“
Die Aufsichtsrätin bei der Deutschen Bank will ihre Kirche von einem falsch verstandenen Egalitarismus befreien. „Es gibt Funktionseliten in dieser Gesellschaft. Das muss man erst einmal konstatieren, auch wenn vor Gott alle Menschen gleich sind“, stellt sie klar. Die 55-Jährige, die in der Gedankenwelt von Bankern und Betern gleichermaßen zu Hause ist, fordert ein Umdenken: „Die Kirche hat oftmals nur mit dem Finger auf Verantwortungsträger gezeigt, ohne ihnen das Evangelium ihren Nöten und intellektuellen und seelsorglichen Bedürfnissen entsprechend zu verkünden.“
Marlehn Thieme weiß, dass bis dahin noch ein weiter Weg vor der Kirche liegt. Sie gehört zu den Verfassern des umstrittenen Positionspapiers „Evangelische Verantwortungseliten“, das vor einem Jahr von der EKD herausgegeben wurde. „Die öffentliche Wahrnehmung von Eliten pendelt zwischen Exzellenzerwartung und Arroganzfurcht, Erlösungshoffnung und Verteufelung“, heißt es dort. Es sei eine „neue Kultur des wechselseitigen Ernstnehmens“ erforderlich.
Doch widerspricht eine besondere Berücksichtigung von reichen Kirchenmitgliedern nicht den biblischen Grundsätzen? Befahl Jesus dem reichen Jüngling während der Bergpredigt nicht, sein gesamtes Vermögen zu verkaufen und es den Armen zu geben? Die Geschichte aus dem Markusevangelium (10,25) scheint dies zu belegen: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“
Dieser Satz ist im Bewusstsein vieler Kirchenglieder bis heute fest verankert, auf evangelischer wie auf katholischer Seite. „Es gibt keine Gute-Laune-Programme für reiche Mitglieder“, sagt Dorota Pyttlik, Leiterin der Finanzabteilung des Bistums Hildesheim. Eine Extra-Ansprache für Vermögende sei von der Bistumsleitung nicht vorgesehen. „Natürlich kommt es ab und zu vor, dass jemand anruft und damit droht, wegen der Kirchensteuer auszutreten“, so die Finanzexpertin. Aber Steuern seien nun mal nicht verhandelbar, stellt sie klar.
Auch beim katholischen Kirchensteueramt in München verzichtet man „ganz bewusst auf Goodies für große Kirchensteuerzahler“. „Wir argumentieren mit Steuergerechtigkeit und Gleichbehandlung“, erklärt Leiterin Sieglinde Kölbl-Stecher. Mehr als 100 Anfragen von Kirchensteuerzahlern werden dort pro Tag beantwortet, denn im Gegensatz zu den anderen Bundesländern wird die Kirchensteuer in Bayern nicht vom Finanzamt veranlagt, sondern von den eigenen Kirchensteuerämtern. Das gilt für beide christliche Konfessionen. Sieglinde Kölbl-Stecher ist stolz, dass sie schon manchen Austritt durch ein ausführliches, klärendes Telefongespräch verhindern konnte.
Kundenfreundlichkeit und Kontakt – nach Auffassung der kirchlichen Finanzexperten wird beides in Zukunft wichtiger. „Eine steuererhebende Körperschaft sollte sich mit ihren Zahlern in Verbindung setzen“, meint Jens Petersen, Referent für Steuerfragen in der Finanzabteilung der EKD und Autor des 2010 erschienenen Buches „Kirchensteuer kompakt“. Man könne den Kirchensteuerzahlern nicht oft genug Danke sagen. Dass dies bei den Gemeindegliedern zu Sozialneid führen könnte, hält er für abwegig. Petersen: „Der Vorwurf, die Kirche sei zu nett zu Wohlhabenden, ist absurd.“
Das kirchliche Dankeschön fällt in den 27 katholischen Diözesen und 22 evangelischen Gliedkirchen sehr unterschiedlich aus. Während die evangelischen Landeskirchen in Bayern und Hessen-Nassau aufwendig gestaltete Jahresberichte an ihre Mitglieder verschicken, verfassen andere Dankesschreiben oder laden zum „Bischofsdinner“ ein. Auch die Möglichkeit,
die Kirchensteuer ab einem bestimmten Verdienst von der Einkommenssteuer abzukoppeln und damit den Beitrag zu verringern, ist regional sehr unterschiedlich geregelt. Schließlich gibt es auch nach einem Kirchenaustritt noch Möglichkeiten, ehemalige Mitglieder anzusprechen. „Es gibt Millionäre, die auch außerhalb der Kirchensteuer Gutes tun wollen“, weiß Elmar Niclas, bis vor Kurzem Geschäftsführer der Steuerkommission des Verbands der Diözesen Deutschlands. Sie könnten kirchliche Stiftungen unterstützen oder Gemeinden zum Beispiel beim Ankauf einer neuen Orgel helfen.
In Zukunft werden viele Gemeinden noch stärker auf großzügige Mitglieder und Mäzene angewiesen sein. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Finanzkraft der Kirchen um die Hälfte zurückgehen wird, wenn sich die Zahl der Mitglieder bis 2030 um ein Drittel verringert“, prognostiziert Experte Jens Petersen. Günther Beckstein, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident und Mitglied der EKD-Synode, hat seine Charmeoffensive für Besserverdiener bereits begonnen: „Die Kirche ist nicht nur für die Armen da“, stellt er klar. „Wir wollen auch die Kirchensteuer der Reichen.“
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen eine deutliche Sprache. Auf Anfrage von Christ & Welt erstellte Wiesbaden eine Tabelle, die Kirchensteuerzahler wie bei der Einkommenssteuer nach Gehaltsklassen differenziert. Die jüngsten verfügbaren Daten stammen aus dem Jahr 2007 und berücksichtigen alle Kirchensteuereinnahmen in Deutschland mit Ausnahme von Bayern. Danach tragen die rund drei Millionen Kirchenmitglieder mit einem zu versteuernden Einkommen von null bis 20 000 Euro 2,58 Prozent zum Kirchensteueraufkommen bei. Demgegenüber bringen es die 7684 Millionäre auf insgesamt 8,52 Prozent.
Auch im mittleren Segment schaffen es die Millionen von Kirchensteuerzahlern nicht, die Finanzkraft der Einkommenselite zu toppen. Die durchschnittlich verdienenden 3,7 Millionen Protestanten und Katholiken mit einem Einkommen zwischen 25 000 und 40 000 Euro zahlen 15 Prozent des Kirchensteueraufkommens. Die 86 070 wohlhabenden Mitglieder, die 250 000 Euro und mehr im Jahr verdienen, stemmen dagegen 20 Prozent der Kirchensteuer, obwohl sie nur weniger als ein Prozent der Kirchensteuerpflichtigen ausmachen.apo





