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Haltung, bitte!

Gustavs Vermächtnis

Aus: Ausgabe 21/2014

„Im Fernsehen, auf dem Buchmarkt, in den großen Zeitungen, überall wird des Ersten Weltkriegs gedacht und das Grauen vor Augen geführt, das dieser Krieg für Europa bedeutet hat. Ausgerechnet in Kirchen hängen immer noch die Tafeln mit den Namen der Gefallenen, Soldaten werden zu Helden stilisiert, mit nationalistischem Pathos und Bibelsprüchen. Müssten diese Tafeln nicht endlich verschwinden, damit die christlichen Kirchen mit ihrem Einsatz für den Frieden glaubwürdig werden?" Henner F., Karlsruhe

Ein Gedenktafelsturm in Kirchen – wenn es so einfach wäre, auf diesem Wege die Geschichte zu entsorgen. Viele Gemeinden haben genau das gemacht: die Tafeln in den Keller oder auf den Müll gepackt und Friedenstauben in Regenbogenfarben an die blasse Stelle gehängt. Damit wurden die Namen derer gleich mit entsorgt, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gestorben sind. Zerfetzt, durchbohrt, elend verblutet. Haben Sie die Namen gelesen? All die Heinrichs, Wilhelms und Gustavs, die gestorben sind, bevor sie das 20. Lebensjahr erreichten? Die Umdeutung des massenhaften Todes zum Heldenopfer für Volk und Vaterland stößt heute bitter auf. Was für ein Frevel am christlichen Glauben, dieses Sterben auch noch mit einem höheren Sinn auszustatten. Für die jungen Männer der anderen Nationen ist auf diesen Gedenktafeln kein Platz.

Aber die Namen bleiben. In kleineren Ortschaften hängt an ihnen die Geschichte des Dorfes. Der Sohn des Bäckers, die drei Söhne des Dorfschullehrers, der junge Vikar, dessen ehemalige Verlobte gerade hochbetagt verstorben ist. Dieser Menschen wird auf diesen Tafeln gedacht. Abstrakte Opferzahlen verwandeln sich in Lebensgeschichten. An ihnen wird exemplarisch deutlich, was der Krieg mit den jungen Männern und ihren Familien angerichtet hat. Wer die Tafeln entfernt, verhindert auch, dass die Schicksale hinter den Namen präsent bleiben. Aufrichtiges Gedenken bedeutet für mich, die Tafeln aus der Schmuddelecke herauszunehmen und sich dem zu stellen, was sie heute erzählen könnten. Künstler kommentieren sie, Konfirmandinnen gehen den Geschichten nach, die sich mit den Namen der toten 16-Jährigen verbinden, die auf die gleiche Schule gegangen sind wie sie selbst. In Gemeinden, wo diese Auseinandersetzung gelingt, verwandeln sich die Gedenktafeln in ein Mahnmal. Der Krieg war nicht irgendwo anders.

Erschienen in:
Ausgabe 21/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Atheismus