Der Atheist, der was vermisst
Grüne Wand
Aus: Ausgabe 30/2012
Unser Kolumnist fragt sich: Wie stirbt man heute richtig?

Das Rote Kreuz hat lange nach einem geeigneten Platz für das geplante Hospiz gesucht, und in einem Hamburger Stadtteil ist man fündig geworden: Das zweite Gemeindehaus der Sinstorfer Kirchen wird nicht mehr gebraucht, und es liegt in einer ruhigen Sackgasse. Doch einige Anwohner fürchten, dass ihre Häuser durch die neue Nachbarschaft im Wert sinken. Falls sie das Hospiz nicht mit juristischen Mitteln verhindern können, wollen sie es zumindest nicht sehen, sie haben einen Sichtschutz geplant und eine zwei Meter hohe Hecke. Ich vermisse einen christlichen Grundkonsens und frage mich: Wie mag das ausgehen? Sehen wir uns die Hamburger Szenerie nach etwa 20 Jahren noch einmal an.
Da ist zum Beispiel dieser stolze Eigenheimbesitzer, nennen wir ihn Karlheinz, der seinen Anwalt mit der Verhinderung des Sterbehauses beauftragt hatte. Jahrelang hat er gut verdient, dann hat er sich verspekuliert und viel Geld verloren. Als er mit allen Mitteln versucht, das Verlorene wieder herbeizuspekulieren, verliert er nicht nur sein Vermögen, sondern auch den Job, die Gattin und das Haus. Jahrelang schwelgt er nun in Selbstmitleid und Alkohol, bis er sich eines Morgens ernüchtert unter einer Hamburger Brücke wiederfindet. Es geht ihm jetzt auch körperlich schlecht, seit Wochen hat er starke Schmerzen, die sich nicht mehr wegtrinken lassen. Nach diversen medizinischen Prozeduren erfährt er, dass sein Krebs jede therapeutische Unternehmung überflüssig mache. Damit er menschenwürdig sterben kann, verweist man ihn an das Hospiz des Deutschen Roten Kreuzes. Da sitzt er dann nach Langem wieder in einem beheizten Zimmer. Es gibt regelmäßige Mahlzeiten, Infusionen gegen die Schmerzen, sogar einen Fernseher. Karlheinz ist stolz, er hat es geschafft. Er schaut aus dem Fenster: auf eine hohe grüne Wand. Man hat ihn abgeschottet, auf der Straße soll er sich auch nicht zeigen, wegen der Nachbarn. Die, heißt es, hätten was gegen das Sterbehaus. Irgendwie kommt ihm das alles bekannt vor, aber sein Erinnerungsvermögen ist vom Alkohol geschädigt. Er weiß nicht, dass er selbst diese grüne Wand zu verantworten hat. Karlheinz kann nicht mehr zurückschauen, wie er damals nicht vorausschauen konnte. Eine Gnade für den Ungnädigen.





