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Haltung, bitte!

Gras wachsen sehen

Aus: Ausgabe 35/2013

„Meine Mutter lebt als Rentnerin und begeisterte Hobbygärtnerin in einem Wohnblock. Vor ein paar Tagen zeigte sie mir entzückt den gegenüberliegenden Balkon, wo ,nette junge Leute‘ offenbar ähnlich begeisterte Gärtner seien. Es wucherte in der Tat prachtvoll. Offenbar handelt es sich um eine kleine Hanfplantage. Meine Mutter überlegt sogar, Ableger mit den anderen Mietern zu tauschen. Ist der Anbau nicht verboten?“ Sybille W., Bremen

Auch wenn mittlerweile abendfüllende Spielfilme über rüstige alte Damen im Kino laufen, die sich mit Cannabis-Anbau im Garten ihre Rente aufbessern: Drogenzucht ist in Deutschland verboten. Im großen Stil und in der Blumenschale auf dem Balkon. Sogar Pharmakonzerne müssen sich die halluzinogenen Pflanzen im Ausland besorgen. So steht es im Betäubungsmittelgesetz.

Behandeln Sie die jungen Leute trotzdem nicht wie Drogenbosse. Im Internet findet man mehr Anleitungen zum Hanfanbau als zur guten alten Rosenzucht. Offenbar haben die jungen Nachbarn Ihrer Mutter eine eigene Vorstellung von der Gunst der grünen Daumen. Möglich, dass sie nicht mal wissen, dass schon die private Hanfzucht gegen Gesetze verstößt. Es hält sich nämlich die Mär, dass jeder auf seiner Parzelle pflanzen kann, was er will. Natürlich könnten Sie die Polizei rufen und den Hanf-Dschungel roden lassen. Das ist allerdings ziemlich rabiat.

Und wer möchte schon nette Nachbarn kriminalisieren? Manchmal ist es wirksamer, durch die Blume zu sprechen. Gehen Sie doch mit Ihrer Mutter zu den jungen Leuten, loben Sie die Gartenkunst und bringen Sie eine Gabe aus Ihrer eigenen Blumenzucht mit, nach dem Motto: „Was man noch alles pflanzen und genießen kann“. Zum Beispiel Pfefferminze für den kühlen Kopf. Wenn das Cannabis den jungen Züchtern noch nicht das Hirn vernebelt hat, werden sie die Anspielung verstehen, sich ertappt fühlen und mit großer Wahrscheinlichkeit ihre Schlüsse daraus ziehen. Vielleicht werden Sie auch in eine Diskussion über Alltagsdrogen verwickelt.

Gut so, dann können Sie Ihren Standpunkt klarmachen. Ist Cannabis eine Einstiegsdroge, die abhängig und krank macht, oder einfach nur nicht so gut beleumundet wie das tägliche Glas Wein? Diese Frage ist sogar unter Experten umstritten. Bis zur endgültigen Klärung gehört das Gras nicht auf den Balkon.

Erschienen in:
Ausgabe 35/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Lebensstil