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Haltung, bitte!

Gott ist auch draußen

Aus: Ausgabe 34/2014

„Bei einem Strandspaziergang im Urlaub stießen meine Frau und ich auf eine seltsame Ansammlung von Menschen, von denen einige offenbar im Meer getauft wurden. Erst dachten wir, eine Sekte hätte den Strand in Beschlag genommen. Dann sahen wir, dass ein Pastor im Talar anwesend war, und zwar barfuß! Er hatte offenbar die Idee zu diesem Gottesdienst, wie wir später erfuhren. Er sprach von „neuen Gottesdienstformen“. Eine Taufe in unreinem Salzwasser? Wir gehen schon länger nicht mehr regelmäßig in den Gottesdienst und fühlen uns nun in unserer wachsenden Distanz zur Kirche bestätigt. Besinnung und Andacht finden wir eher in der Natur. Will man mit so einem Klamauk etwa die Menschen neu gewinnen?“ Anonym, Saarbrücken

Sie sind also lieber Strandgänger als Kirchgänger, weil sie mit den Füßen am Flutsaum und mit Blick aufs weite Meer mehr Andacht finden? Die Gemeinde, die unter freiem Himmel einen Taufgottesdienst gefeiert hat, verbindet genau die Anliegen, die sie in der Kirche nicht mehr zu finden glauben. Wo steht denn, dass man für einen ordentlichen Taufgottesdienst ein Kirchdach über dem Kopf und einen Taufstein aus Marmor braucht? Den Jordan, in dem Jesus getauft wurde, kann man sich getrost als bräunlich-warmes Rinnsal vorstellen. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass Johannes der Täufer Schuhe anhatte, als er in den Fluss stieg. Sie können einwenden, dass über Freiluftgottesdienste kein Weg zurück in die Ursprungsphase der Kirche führt.

In der Geschichte der christlichen Kirchen haben Taufen am offenen Gewässer und unter freiem Himmel eine lange Tradition. In letzter Zeit wird diese Tradition wiederentdeckt, weil für viele Menschen die klassischen Gottesdienstformen ohne Eindruck bleiben. Die elementare Kraft des Wassers, seine lebenspendende, aber auch bedrohliche Kraft wird im Untertauchen körperlich spürbar. Der Wechsel der Alltagskleider gegen weiße Taufgewänder macht das Versprechen eines neuen Lebens für alle sichtbar. Deshalb braucht es bei Taufen am Meer, an einem See oder Fluss eher weniger „Klamauk“. Hier zeigt sich, was in den alten Worten wirklich wird. Nichts gegen feierliche Taufgottesdienste mit Chor und Orgel. Aber ist es nicht eher so, dass die lebensverändernde Kraft des Taufrituals in den sublimen Formen von liturgischen Gesten und Worten leicht verloren geht? Oder ist Ihnen diese Art Andacht zu existenziell?

Erschienen in:
Ausgabe 34/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch