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Brief an die Bundeskanzlerin

Glücksfall Gauck

Aus: Ausgabe 09/2012

Zwei Ostdeutsche werden bald an der Spitze des Staates stehen. Dies könnte sich schon bald Glücksfall für die Bundesrepublik erweisen, glaubt unser Kolumnist Nikolaus Brender.

Der 18. März wird für Sie, Frau Bundeskanzlerin, ein ganz besonderer Tag. Für Sie und für Joachim Gauck. Sie werden ihm wohl, wie die große Mehrheit der Bundesversammlung, Ihre Stimme für das Amt des Bundespräsidenten geben. Und er wird sich mit seinem charakteristischen Schmunzeln im faltigen Gesicht gerne Ihre Stimme geben lassen. Was er sich dabei denkt, wenn er Sie in der Fernsehübertragung mit dem Stimmzettel zur Urne gehen sieht, wird er streng unter Plauderverschluss halten. Darüber will ich auch gar nicht spekulieren.

Sicher aber ist, dass er sich am Tag seiner Wahl zum Staatsoberhaupt an einen anderen 18. März mit sehr eigenen Gefühlen erinnern wird: an den 18. März vor 22 Jahren, den Tag der ersten freien Wahlen zur Volkskammer in der DDR. In seinem wunderbaren Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ beschreibt er den Glückszustand eines Menschen, der sich nach Demokratie und Freiheit sehnte. „Als ich meine Stimme abgegeben hatte und aus dem Wahllokal trat, liefen mir die Tränen über das Gesicht. Ich musste 50 Jahre alt werden, um erstmals freie, gleiche und geheime Wahlen zu erleben.“ Es war der Tag, an dem Joachim Gauck für das Neue Forum zum Abgeordneten der Volkskammer gewählt wurde und Sie sich anschickten, stellvertretende Regierungssprecherin der Regierung von Lothar de Maizière zu werden.

So verschieden in Charakter und Persönlichkeit, beide sind Sie nun die höchsten Repräsentanten der wiedervereinigten Bundesrepublik. Diese Konstellation könnte wirklich zum Glücksfall für die Republik werden. Schon zu DDR-Zeiten waren Sie die eher abwartende, vorsichtig Umschau haltende und sich nicht früh festlegende Zeitgenossin. Joachim Gaucks gelassene Selbstverortung, seine ruhige, klare und unmissverständliche Haltung als Pastor und als Helfer auf der Suche nach den inneren und äußeren Wegen zur Freiheit bestimmten sein Leben in der DDR.

Wer Joachim Gauck in den letzten Wochen einmal über Freiheit hat reden hören, über Verantwortung und bürgerliche Verpflichtung, wer die staunende Faszination seiner jungen wie älteren Zuhörer miterlebt hat, der ist sich der Rolle des neuen Bundespräsidenten sicher. Die Bundesrepublik braucht dringend Repräsentanten, die für die Demokratie begeistern können, denen die Bürger auch Appelle ans Gewissen nicht verübeln. Er kann es. Sie, Frau Bundeskanzlerin, leider nicht. So ließe sich eine informelle Arbeitsteilung bestens einrichten: Sie kümmern sich weiter um die Mechanik der Macht und der Tagespolitik. Der Bundespräsident kümmert sich um die demokratische Hygiene. Der neue Bundespräsident kann das umso mehr, als er sich nicht als Angestellter des Bundeskanzleramtes versteht.

Während der Pressekonferenz zur Vorstellung von Joachim Gauck hingen doch noch arge Schatten auf Ihrer Miene. Sicher, Sie sind bei der Entscheidung für Gauck weniger über Ihren eigenen Schatten gesprungen, als dass Sie von der FDP über ihn geschoben wurden. Und sicher sind Sie mit Ihrer Taktiererei um die Wahl des Bundespräsidenten, Sie nennen es „iterativen Prozess“, einmal mehr vor die Wand gefahren. Nun sollten Sie die Sache mal vom Ende her betrachten und einfach sagen „Ende gut!“. Ob alles gut, das wird sich zeigen.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2012
Redakteur:
Nikolaus Brender (Kolumnist)
Thema:
Brief an die Bundeskanzlerin
Stichworte:
keine