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Haltung, bitte!

Giftige Zunge

Aus: Ausgabe 39/2012

„Wir sind zwei ganz normale Lehrerinnen in einer deutschen Kleinstadt und werden im Internet von unbekannten Schülern mit übelsten Beleidigungen beschimpft. Müssen wir das als Teil des Schulalltags hinnehmen?“ Gitte S. und Kerstin B., Dortmund

Der Tatbestand ist alt. Schon Martin Luther hat die üble Nachrede als eine Sünde bezeichnet, die es mit Mord und Totschlag aufnehmen kann. Sie kann Beziehungen zerstören, Selbstbilder vernichten und Menschen so hilflos machen, dass sie ihr Leben beenden. Die Sprache des Reformators ist deutlich: „Die heißen Afterredner, die rügen wie die Säue, die sich im Kot wälzen und mit dem Rüssel darin wühlen.“ Was würde er wohl sagen, wenn er sich heute auf den Portalen im Internet umsehen würde, auf denen Schüler ihre Lehrer bewerten dürfen? Wie würden die Kommentare auf seiner eigenen Facebook-Seite ausfallen? Und was läsen wir wohl über Katharina, die entlaufene Nonne und Ehefrau?

Weil die Autoren dieser Beiträge anonym bleiben, fallen auch die Schamgrenzen. „Die ist doch leicht zu haben“, schreibt ein 15-Jähriger aus Wut über eine Sechs. Am nächsten Morgen zerren fünf Halbwüchsige die Referendarin auf die Toilette. Zwei Zwölfjährige reizen ihren Chemielehrer so lange, bis er wütend wird. In diesem Moment nehmen sie ihre Handys mit Videofunktion, filmen ihn und stellen das Echtzeitdokument ins Netz. Nein, das ist nicht in Ordnung. Anders als die geflüsterten Lästereien auf Schulfluren finden die Attacken und Lügen mit einem Klick ein Millionenpublikum. Das Internet kennt kein Vergessen. Wir haben ein gefährlich naives Verhältnis zu dem neuen Medium. Die Technologie beherrschen wir. Aber wir haben noch keine Kultur etabliert. Machen Sie den Schülerinnen und Schülern klar, dass sie selbst jederzeit Opfer eines Rufmordes werden können. Beraten Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen. Wer andere im Internet verleumdet, ruiniert nicht nur den guten Ruf, er vergreift sich an fremder Würde und Ehre. Und die haben auch Lehrer und Lehrerinnen. „Denn ob du das Schwert auch nicht führest, so brauchst du doch deine giftige Zunge dem Nächsten zu Schand und Schaden.“

Erschienen in:
Ausgabe 39/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Ethik, Lebensstil