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Haltung, bitte!

Gesundheit!

Aus: Ausgabe 48/2012

„Am letzten Sonntag war ich in der Kirche. In den Bänken schnieften und husteten die Mitchristen. Es ist Erkältungszeit. Dann kam das Abendmahl. Sollte man in dieser Zeit nicht besser Einzelkelche reichen? Oder sogar auf das Abendmahl verzichten?“ Almuth V., Münster

Wir leben in einer gefährlichen Zeit. Überall lauern die Viren und Bakterien. Sie warten auf Türgriffen und Computertastaturen, sie verstecken sich in Handtüchern und Polstersesseln. Sie überfallen uns, wenn wir unsere Kinder herzen und unsere Freunde umarmen. Sie attackieren uns sogar in der Kirche. Händeschütteln vor dem Gottesdienstbesuch, Hustenanfälle zwischen zwei Paul-Gerhardt-Strophen. Und nun sitzen die Erreger auch noch auf dem Kelch des Heils.

Ganz im Ernst: Wenn Sie an einer Immunschwäche leiden, herzkrank sind oder sich mit einer schweren Bronchitis in den Gottesdienst geschleppt haben, würde ich gut verstehen, dass Sie das Abendmahl von der Bank aus beobachten, in nötiger Distanz, aber in innerlicher Nähe zu dem Gemeinschaftsereignis im Altarraum, wo die Gegenwart Gottes auf besondere Weise sinnlich erfahrbar wird. Es gab mal eine Zeit, da quälte fromme Menschen der Gedanke, ob sie würdig sind, Brot und Wein zu empfangen. Heute macht nur noch die Sorge vor Ansteckung nervös. Mit Einzelkelchen kann ich mich allerdings nicht anfreunden. Vielleicht, weil ich aus Westfalen komme. Da sehen die Schnapspinnchen genauso aus wie die kleinen Becher, die an die Stelle des ehrwürdigen Weingefäßes treten.

Der silberne Kelch, der schwer in der Hand liegt, unterscheidet sich von allen Trinkgefäßen des Alltags. Er zeigt durch Pracht und Größe, dass er nicht nur für mich selbst bestimmt ist. Die Freunde Jesu haben aus einem Becher getrunken – ein Zeichen des Vertrauens und der Verbindung, auch wenn man sich nicht einmal mit Namen kennt. Der eine Kelch ist ja kein Ausdruck von Bequemlichkeit, weil der Küster hinterher nicht so viel spülen will. Er symbolisiert auf seine Weise das Geschehen im Abendmahl. Es steht Ihnen natürlich frei, erst im Frühling wieder zum Tisch des Herrn zu gehen. Doch da lauert schon wieder die Frühjahrsgrippe. Fragen Sie sich, was Ihnen entgeht, wenn Sie beim Abendmahl Zuschauerin bleiben. Theologisch besteht ein viel größeres Risiko, von der Erfahrung der Nähe Gottes angesteckt zu werden.

 

Erschienen in:
Ausgabe 48/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch