REGIMEKRITIKER
Gespräche mit Liao Yiwu im Hause Biermann
Aus: Ausgabe 06/2012
Wie sich die Bilder gleichen! 1974 beherbergte Heinrich Böll Alexander Solschenizyn in Köln, als dieser aus der Sowjetunion ausgewiesen worden war. 2011 findet Liao Yiwu bei Wolf Biermann kurze Zeit Obdach in dessen Hamburger Haus.
Dem chinesischen Regimekritiker war gerade erst die abenteuerliche Flucht aus China über Vietnam gelungen. Mit einem Rucksack, in dem er seine Knochenflöte und eine Klangschale verstaute, watete er durch den Grenzfluss. Viele Male wurden vorher Liao Yiwu Reisen ins Ausland verboten. Bis ihm 2010 nach offiziellem Druck der Besuch des Literaturfestivals in Berlin doch noch gestattet wurde. Während seiner Heimreise nach China beschloss der Autor, bei nächster Gelegenheit ins deutsche Exil zu gehen, zumal ihm die Polizei immer wieder mit Haft drohte.
Seine Bücher sind in China verboten, im Westen wird er gefeiert. Inzwischen gilt er als Kandidat für den Literaturnobelpreis. Seine Leseauftritte mit Flöte und Klangschalen sind Kult. Markerschütternd seine Sprechgesänge, die er herausschreit wie ein verwundetes Tier, jenes Tier, das die Gefängnisse, wie er sagt, aus ihm machten. Liao Yiwu kommt aus dem innersten Kreis der chinesischen Hölle. Geboren 1958, wäre er fast der großen Hungersnot in den Sechzigerjahren zum Opfer gefallen in der Provinz Sichuan. Er schlug sich als Tagelöhner durch, brachte es aber als Boheme-Dichter zu Popularität in der chinesischen Subkultur. 1989 sprach er sein Gedicht „Massaker“ auf Tonband, in dem er das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens beschrieb – das da noch gar nicht stattgefunden hatte.
Das Werk verbreitete sich rasant, Liao Yiwu wurde verhaftet und in vierjähriger Haft schwer misshandelt. Sein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen, „Für ein Lied und hundert Lieder“, zählt zum Ergreifendsten, was je über die Erniedrigung des Menschen verfasst wurde. Der Interviewband „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ zeigt Chinas Gesellschaft aus der Sicht Ausgestoßener. In den USA erschien „Gott ist rot“, ein Gesprächsband mit unterdrückten Christen in China.





