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Haltung, bitte!

Gespräch über Bande

Aus: Ausgabe 27/2013

„Mein bester Freund, knapp 60 und seit langen Jahren geschieden, hat seit einiger Zeit eine neue Liebe. Die beiden wirken sehr glücklich, und ich freue mich daran. Sie ist erst Mitte 30 und äußert mir gegenüber Kinder- und Heiratswünsche. Er hat schon erwachsene Kinder und schloss eine neue Ehe und mehr Nachwuchs immer aus. Kann das gut gehen, oder soll ich ihm raten, die Beziehung zu beenden, die ihn so froh zu machen scheint?“ Andrea D., Frankfurt

Auch enge Freundinnen betreten gefährliches Gelände, wenn sie sich in Liebesbeziehungen einmischen. Natürlich wollen Freunde nur das Beste. Aber ist Ihre Motivation wirklich so lauter? Mit der jungen Liebe Ihres Freundes hat sich ja auch Ihre Beziehung geändert. Sind Sie sicher, dass Ihr Freund immer noch an seinem Grundsatz festhält, nie wieder eine Familie zu gründen? Oder stammen diese Äußerungen aus der Zeit vor der neuen Liebe? Dann läge Ihre Freundschaft darin, abzuwarten, ob die vehementen Vorsätze nicht mit der neuen Frau verflogen sind. Allerdings scheint die neue Freundin Ihres Freundes Sie ins Vertrauen gezogen zu haben. Diese Gesprächsführung über Bande ist tückisch. Will die Jüngere Sie als Bündnispartnerin gegen die Grundsätze Ihres Freundes? Leidet sie unter den abweichenden Lebensvorstellungen? Oder will sie nur andeuten, dass sich unter Umständen nun einiges ändert? Empfinden Sie die Haltung Ihres Freundes als egoistisch, weil er den Familienwunsch seiner Freundin nicht erfüllen mag, das Beziehungsglück aber erhalten will? Im idealen Alter für kleine Kinder ist er ja nicht mehr. Er selbst scheint das genauso zu sehen.

Wenn die jüngere Frau Sie wieder ins Vertrauen zieht, können Sie die heikle Grenze überschreiten. Sprechen Sie behutsam mit Ihrem Freund. Vielleicht weiß er nicht, wie dringend sich seine neue Liebe genau das wünscht, was er zu geben aus guten Gründen nicht mehr bereit ist. Oder er weiß es und verschiebt die Suche nach einem Ausweg. Dann kann Ihr Blick ihm die Augen öffnen. Aber machen Sie sich bewusst, dass Liebe wehtut. Wie viel Schmerz oder Verzicht sie aushält, kann von außen niemand beurteilen.

Erschienen in:
Ausgabe 27/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch