Organspende
Geld oder Leber!
Aus: Ausgabe 32/2012
Der Organspende-Skandal von Göttingen zeigt: In der Transplantationsmedizin muss sich etwas ändern. Fürs Blutspenden gibt es Bares, für Lunge, Herz und Nieren nicht. Ein Plädoyer für mehr Markt statt mehr Moral
Wir müssen über Geld reden. Und wir werden über Geld reden. Auch, wenn es um Organverpflanzungen geht. Geld kommt spätestens in den Blick, wenn im Skandal der beschuldigten Transplantationsärzte in Göttingen und vielleicht auch anderswo die erste Welle abgeebbt ist, die der Kriminalisierung. Ob sich der Verdacht der Korruption, der Begünstigung und der fahrlässigen Tötung nun erhärtet oder nicht. Organverpflanzungen haben eine wirtschaftliche Seite, so wie jedes Angebot auf dem Medizinmarkt. Und die Gesellschaft muss ihren Blick darauf richten und auch den längst bestehenden Organmarkt regulieren. Verdrängen hilft nicht. Wahrscheinlich gibt es keine klinisch reine, geldfreie Lösung – so wie es in der Biomedizin generell keine eindeutige Lösung gibt, sondern nur eine Güterabwägung zwischen einer Kultur des Helfens und der Menschenwürde. Als drittes Element muss die Ökonomie dazukommen. Menschen müssen zu mehr Organspenden gewonnen werden. Der Essener Transplantationsmediziner Eckhart Nagel, der auch dem Nationalen Ethikrat angehört, befürchtet zu Recht, dass der Skandal viel Vertrauen verbrauchen wird.
Das liegt aber auch am beredten Schweigen der Mediziner und Moralphilosophen. Beim Blutspenden, der einfachsten Form der Gewebespende, ist dagegen eine Bezahlung längst etabliert. Für jedes Mal gibt es – außer beim Roten Kreuz – zwischen zehn und 20 Euro. Das erhält den Impuls der Freiwilligkeit, setzt aber einen weiteren Anreiz. Die Vergütung wird als Aufwandsentschädigung deklariert, damit sie den Gesetzen entspricht. Aber viele Kliniken sagen offen, dass sie ohne zu zahlen längst nicht so viel lebensrettende Blutkonserven anlegen könnten.
Die meisten etablierten Ethiker verschließen die Augen vor der Realität des Marktes. Sie umgehen das Finanzproblem mit dem archaischen Reflex, dass der schnöde Mammon Gerechtigkeit und Menschenwürde in den Schmutz des Gewinnstrebens ziehe und deshalb gar keine Rolle spielen dürfe.
Schnell, zu schnell wird der Schwarzmarktteufel an die moralische Torwand gemalt: Wer Geld zahle, verleite nur Verbrecher, reichen Leuten aus den Industrieländern oder Ölscheichs Kindernieren aus der Dritten Welt zu verkaufen. Tatsächlich lässt der immense Mangel an Lebern, Lungen und Herzen die illegale Beschaffung ebenso blühen. Auf jedes Spenderorgan warten in Deutschland mindestens vier todkranke Patienten. Aus ihrer Sicht wäre jedes legale Mittel recht, mehr Organe zu gewinnen. Der medizinische Fortschritt, der uns länger leben lässt und immer größere Heilungsversprechen machen kann, hat Konsequenzen.
Auch finanzielle: Inzwischen würde sich eine Spenderniere zum Marktpreis selbst für Krankenkassen rechnen. Der Bayreuther Volkswirt Peter Oberender hat ihren Wert auf 25000 Euro geschätzt. Dazu kämen 20000 Euro für die Operation. Das ist günstiger als ein Jahr Dialyse für 60000 Euro. Der amerikanische Bundesrichter Richard Posner will den Handel völlig freigeben, um genug Organe zu bekommen. Sei der Markt gesättigt, würden sie sogar billiger. Moral hält er für hinderlich, eine Marktverzerrung.
Die ist in Europa und auch in den USA aber erwünscht. Die dort etablierte Kultur will, dass jedem geholfen wird, ohne darauf zu sehen, ob er seine Lunge durch Kettenrauchen selber ruiniert hat oder ob er eine neue bezahlen kann. Mediziner erzählen gern, dass sich die erste Transplantation der Geschichte in einer Heiligenlegende findet. Die Ärzte Kosmas und Damian aus dem vierten Jahrhundert, die Stadtpatrone von Essen (da, wo Eckhart Nagel das Universitätsklinikum leitet), sollen einem Bauarbeiter an einer römischen Kirche das Bein eines frisch verstorbenen Mohren übertragen haben. Die Legende berichtet auch, dass die beiden ihre Kunst unentgeltlich ausübten. Das erzählen Ärzte weniger gern.
Um zu helfen, haben die westlichen Länder sogar den Tod neu definiert. Sie folgten einer Einschätzung der Harvard-Universität von 1968, dass der Mensch tot ist, wenn wesentliche Teile des Gehirns ausgefallen sind. Nur dann kann man dem noch aktiven Organismus frische Organe entnehmen. Doch derzeit gerät das immer umstrittene Hirntodkriterium wieder in die Diskussion. Hirntote Frauen können Kinder zur Welt bringen. Der Organismus funktioniert auch ohne die Steuerzentrale des Gehirns. Sind es Sterbende, denen Ärzte Organe entfernen? Nehmen sie den Tod der einen in Kauf, um den anderen zu helfen? Die Bundesärztekammer hat darauf hingewiesen, dass der Hirntod nicht mit medizinischen Mitteln zu klären ist, sondern eine gesellschaftliche Diskussion braucht.
Zum Impetus des Helfens aus Nächstenliebe kommt die Achtung vor Persönlichkeitsrechten, auch über das Leben hinaus. Vor Kurzem hat daher der Bundestag beschlossen, dass eine Organspende in Deutschland absolut freiwillig bleibt: Auch einem Toten dürfen nur dann Organe entnommen werden, wenn er dem zu Lebzeiten zugestimmt hat. Neu ist, dass ab August die Versicherten der Krankenkassen Post bekommen: Ob sie nicht über einen Organspenderausweis nachdenken mögen. Ab 2017 soll die Spendenbereitschaft auf der dann eingeführten Gesundheitskarte eingetragen werden.
Das bringe keinen zusätzlichen Spender, wenden Kritiker ein. Papier sei geduldig. Sie fordern zum Beispiel Verträge: Wer nach dem Tod sein Herz spendet, bekommt auch früher selber eins, falls er es zu Lebzeiten benötigt. Doch Verträge kippen die beiden Prinzipien aus der Balance. Sie knüpfen Hilfe an Bedingungen. Dann werden Menschen nicht aus Überzeugung spenden und auch nicht mehr freiwillig, sondern aus Angst, dass ihr Leben endet, wenn kein Schrittmacher mehr reicht. Die Gesellschaft würde ihren wichtigsten Bodenschatz vergraben: die Zuwendung zum Nächsten.
Aber sie kann Freiwilligkeit unterstützen und anerkennen. Es darf nicht um fünfstellige Summen gehen, und der Empfänger darf Organe ebenso wenig bezahlen wie eine Blutspende. Aber in einer ökonomisch orientierten Gesellschaft muss zu den beiden Kriterien ein ebenfalls klug abgewogenes drittes treten, das finanzielle. Deshalb müssen wir über Geld reden.





