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Haltung, bitte!

Geben, aber dalli

Aus: Ausgabe 35/2014

„Wir begleiten unsere Kinder dann und wann zu einem Gottesdienst. Dank viel Popmusik, wenig Liturgie und einem Prediger, der mit Headphone und Bibel auf einer Bühne auf und ab rennt und zugegebenermaßen mitreißend redet, gehen sie häufiger in die Kirche als ihre Eltern. Allerdings wird auch aus der Sammlung der Kollekte eine Show. Das Geld landet in Körben, und jeder sieht, was der andere gibt, während vorne jemand der Gemeinde ins Gewissen redet. Finden Sie das in Ordnung?“ Georg F., Berlin

Ach, der gute alte Klingelbeutel! Abgewetzter Samt, sanft geschwungene Messinggriffe, an denen schon die Vorfahren die Geldsäckchen durch die Reihen gegeben haben. Hier konnte dezent auch mal ein abgerissener Hosenknopf in der Tiefe landen, ohne dass es aufgefallen wäre. Der offene Korb mag da eher unter Großzügigkeitsdruck setzen. Wer will sich schon lumpen lassen, wenn die Scheine sich türmen wie Herbstblätter? Allerdings konnte auch der Klingelbeutel nicht davor schützen, dass ehrenwerte Herren umständlich in ihren Portemonnaies kramten, um dann mit großer Geste einen Schein zusammenzufalten und mit einem lauten Räuspern in das Geldsäckchen zu werfen. In meiner Gemeinde gab es eine sehr wohlerzogene Dame aus dem Presbyterium, die Sonntag für Sonntag das Säckchen auf ihren Bouclérock legte, um in schöner Regelmäßigkeit einen Fünfeuroschein gegen Münzen zu tauschen.

Der Name „Klingelbeutel“ kam bei dieser Transaktion so richtig zu Ehren. Korb, Samthülle oder Plastikschale sind vermutlich nicht so entscheidend wie die Haltung, in der eine Gemeinde spendet. Jeder so, wie er kann – und will. Dass dem Willen zum Geben auch auf die Sprünge geholfen werden muss, davon konnte schon Paulus ein Lied singen, der mit eindringlichen Worten für die Kollekte der bedrängten Gemeinde in Jerusalem wirbt. Diese erste Kollektenrede ist sogar brieflich verbürgt.

Allerdings sollte der Unterschied zwischen einer Marketingaktion und einer Kollektenrede beherzigt werden. Ein Headphone und viel Redezeit, unterlegt mit der richtigen Musik, mögen diese Unterscheidung vielleicht nicht immer fördern. Hand aufs Herz: Kann es sein, dass der alte Samt des Klingelbeutels für so einiges steht, was Sie in der Lieblingsgemeinde Ihrer Kinder vermissen? Dann wäre die Kollekte vielleicht das berühmte Haar in einer Suppe.

 

 

Erschienen in:
Ausgabe 35/2014
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Wirtschaft, Ökumene