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Verheissung

Fürchtet euch nicht!

Aus: Ausgabe 52/2011

Das Jahr 2011 war so rasant wie kaum ein Jahr zuvor. Unheilspropheten warnen vor dem Kollaps. Doch wer die Weihnachtsgeschichte kennt, gibt nicht so schnell auf.

Das Jahr hätte nicht besser laufen können. Zumindest nicht für die unverwüstlichen Medienpessimisten, die ihre Unheilsprognostik zu einem blühenden Geschäftszweig ausbauten. Wenigstens diese routinierten Schwarzseher können noch getrost in eine lichte Zukunft blicken. Ihr Menetekel-Talk avancierte zum beliebten Gesellschaftsspiel.

Die Lust an der Angst hat uns wieder fest im Griff. Dass sich der Globus elliptisch um die eigene Achse dreht, nehmen wir inzwischen zähneknirschend in Kauf. Dass aber auch unsere Gedanken stets nur um sich selbst kreisen, wollen wir besonders in Krisenzeiten nicht wahrhaben. In der Bibel steht zwar geschrieben: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Doch in der Not ist sich jeder selbst der Nächste. So schließt sich der altbekannte Teufelskreis, in dem die Unheilsprophetien sich durch sich selbst bewahrheiten.

Auf die apokalyptischen Reiter lässt es sich beim Pferdewetten wieder gewinnbringend setzen. Dieses Jahr hat vielen Menschen Angst gemacht, denn es wartete mit Überraschungen auf. Überraschungen haben den kleinen Nachteil, dass man vor ihnen nicht sicher ist. Wir fanden es deshalb auch gar nicht so gut, dass sich die arabische Welt mal eben so die Freiheit nahm, sich ihrer Unterdrücker zu entledigen. Unser Beobachterstatus in unseren Fernsehsesseln berechtigt uns zu der Annahme, dass diese Freiheitstrunkenen in eine unkalkulierte Zukunft taumeln, in der sich neue Abgründe auftun. Und damit nicht genug! Während wir uns über fremde Revolutionen den Kopf zerbrechen müssen, verbrennt der dräuende Staatsbankrott maroder Euroländer unsere deutschen Steuergelder! Wo doch jeder weiß, dass damit der Untergang des Nachbarn nur hinausgezögert, unserer aber in die Wege geleitet wird! Nächstes Jahr soll ohnehin alles noch schlimmer werden! 2012 endet schließlich der Maya-Kalender mit dem Abschluss seines letzten Zyklus. Danach geht die Welt unter. Endzeitpropheten stört hierbei auch nicht groß die Erkenntnis, dass die letzten Ausläufer der einstigen indianischen Hochkultur bereits im 16. Jahrhundert untergegangen sind – wenn man so will, als das erste Globalisierungsopfer spanischer Eroberer.

Tatsächlich war 2011 ein außergewöhnlich dramatisches Jahr. Eine Phase des weltweiten Umbruchs kann aber auch Anlass zu Hoffnung geben. Scheinbar unumstößliche Gesetzlichkeiten werden auf die Probe gestellt und geraten ins Wanken. Unsere politische Gangart beschleunigt sich. Der radikalste Atomkraftgegner hätte in seinen kühnsten Erwartungen nicht damit gerechnet, dass der Supergau der Reaktoren im fernen japanischen Fukushima hierzulande zu einer totalen Abkehr von der Kernenergie führt. Er hat politisch gesiegt, sieht aber dennoch keinen Grund zu triumphieren.

Die Zeit der ideologischen Grabenkämpfe neigt sich ihrem Ende zu. Und niemand hätte zu träumen gewagt, dass nun einige arabische Länder nach ihrer Revolution eine demokratische Verfassung anstreben! Überall entstehen Bürgerbewegungen, die sich für Menschenrechte, gegen Klimazerstörung, Wahlbetrug und nicht zuletzt gegen einen profitgierigen Globalismus zur Wehr setzen. Soziale Netzwerke sprengen die bisherigen Grenzen politischen Handelns.

Doch kein Wandel in der Welt kann gelingen, kein Mut zum Risiko zum Erfolg führen, wenn nicht dahinter eine Vision steht, jenseits von allem Materiellen. Die Kommunisten nannten es Utopie – die drei Weltreligionen nennen es Heilserwartung. Unsere Welt ist voll von Prognosen, die sich als Frühwarnsysteme verstehen. Sie sind lediglich dazu da, in einem stabilitätsfixierten System den Status quo zu erhalten, also Besitzstände zu wahren. Mit Leichenbittermiene sitzen die Trübsal-Akrobaten in den TV-Studios und zählen auf, was wir alles zu verlieren haben, anstatt zu eruieren, was wir zu gewinnen hätten. Die Politik solcher Sicherheitsverfechter erschöpft sich in panischen Abwehrbewegungen.

Die Heilige Schrift gründet sich nicht zuletzt auf einen Begriff, der alles das mit sich führt, dessen es für einen Aufbruch zu neuen Ufern bedarf. Es ist das Wort Verheißung. Ohne die Verheißung Gottes wäre das israelische Volk bei seinem Exodus niemals in das Gelobte Land aufgebrochen. Verheißung ist die von Gott in feierlicher Form gegebene Zusage des Segens, des Glücks und des Heils. Sie ist in die Zukunft gerichtet. In der Verheißung ist deren Erfüllung bereits garantiert, denn Gott beglaubigt sie mit seiner Wahrhaftigkeit. In ihr offenbart sich der Schöpfer gegenüber seinem Volk wie nirgends sonst im Alten Testament. Im Neuen Testament wird die alte Verheißung des Bundes zwischen Gott und den Israeliten zwar erfüllt, gilt jedoch noch als nicht gänzlich vollendet. Jesus Christus bildet das Missing Link zwischen den alttestamentlichen eschatologischen Erwartungen des Reiches Gottes und der Bergpredigt.

In der Weihnachtsgeschichte nimmt die Kraft der Verheißung mit der Geburt des Jesuskindes im Stall von Betlehem Gestalt an: Der Erlöser ist geboren. Die Heilserwartung derer, die an sein Reich glauben, kann Berge versetzen und Welten befrieden. So könnte in diesem turbulenten Jahr 2011 die alte Weihnachtsbotschaft für jenen neuerlichen Weltenwandel mehr Antworten bereithalten als alle modischen apokalyptischen Drohkulissen. Verheißung bedeutet für Christen die eigentliche Sicherheit, die sämtliche noch so verzweifelte ökonomische und politische Stabilitätsbemühungen nicht bieten können. Schließlich wurde das Kind in unsicheren Verhältnissen geboren, die Eltern waren arm und befanden sich auf der Flucht und wussten gewiss nicht, wie sie es die nächsten Jahre durchfüttern sollten. Das sichere Grundgefühl im Glauben speist sich hingegen aus der Hinwendung Gottes zum Menschen und der Hingabe des Menschen an Gott. Die göttliche Verheißung nahm auch den Hirten die Angst: Und der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren worden.“ Welches apokalyptische Geraune mag gegen diese frohe Botschaft bestehen?

Erschienen in:
Ausgabe 52/2011
Redakteur:
Andreas Öhler (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Spiritualität, Kultur